Freitag, 19. Dezember 2014

Talenteshow und Freudentränen


"Alle freuen sich immer riesig darauf, und die meisten sprühen von Anfang an nur so vor Ideen und Wünschen, was sie gerne vorführen würden. Auch für die Schüchterneren gibt es genügend zu tun. Sie malen Plakate und Tafelbilder, kümmern sich um Eintrittskarten, planen die Sitzordnung, schreiben das Programm und organisieren alle nötigen Materialien – kurz gesagt, die sind die Eventmanager. Schon Tage vor der Show habe ich Sevval, Souad, Semsi und Claudia auf den Gängen in den Pausen üben sehen. Sie hatten sich sogar schöne Kleider von zu Hause mitgebracht, für ihre perfekt geplante Modenschau und die anschließende Singperformance. 

Unterstützen zu können, dass meine Kids sich engagieren für etwas, dass ihnen wichtig ist und gleichzeitig dabei so viele positive Erfahrungen sammeln, dass sind meine Moments of Joy! Mir ist es wichtig, die Stärken und Talente von meinen Schülerinnen und Schülern zu fördern, und dafür habe ich eine Talenteshow ins Leben gerufen. Alle 2 Monate dürfen die Kids zeigen, was sie können - alles ist erlaubt und bekommt seinen Platz in der Show. "
Marie, Fellow 2014

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"Vor mir saß die alleinerziehende Mutter einer 5-köpfigen tschetschenischen Flüchtlingsfamilie - und weinte. Das Gesagte hatte seine Wirkung offensichtlich nicht verfehlt. Etwas beschämt blickten ihre älteste Tochter und ich zu Boden. Dann trafen sich unsere Blicke, und das Mädchen konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Soeben hatte ich ihrer Mutter die knallharte, unverblümte Wahrheit über sie erzählt: "Ihre Tochter ist großartig. Sie ist unglaublich fleißig, hilfsbereit und hat enorm viel Potential. Ich bin sehr froh, sie in meiner Klasse zu haben. Sie können sehr stolz auf ihre Tochter sein. " 

Es sind Augenblicke wie diese, die einen für viel harte Arbeit und zahlreiche Frustrationen am Weg entlohnen. Sie führen einem wieder vor Auge, warum man jeden Morgen aufsteht und als Fellow zur Schule geht. Frei nach dem High-School-Lehrer und Poeten Taylor Mali: 
As teachers, we make parents see their children for who they truley are, and who they can be.
Gregor, Fellow 2014

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Marie und Gregor sind Fellows bei Teach For Austria, und diese Geschichten aus ihren Schulen haben uns zutiefst berührt.

Dienstag, 24. Juni 2014

Amina fährt jetzt Rad

Eine Schulgeschichte von Christina Planitzer

„Wir sind dann nur noch den Berg runter, das war ursuper“, sagt Elif.
„Da bin ich auch schon mal gefahren, das ist echt wunderschön“, sage ich.
Ich stehe während meiner Pausenaufsicht mit meinen Schülerinnen Elif und Amina im Schulhof, und wir plaudern. Beide sind fünfzehn; ich unterrichte sie zwei Stunden pro Woche in Chemie.
„Amina, bist Du da auch schon mal runtergefahren?“, frage ich, um sie in das Gespräch mit einzubeziehen. Aber Elif ist schneller: „Ach, Frau Planitzer, jeder, der ein Rad hat, ist da schon mal runtergefahren.“ Amina überrascht uns beide, als sie sagt: „Ich kann nicht Rad fahren.“

Amina ist eine ruhige Schülerin und fällt im lauten Schulalltag kaum auf. Sie spricht im Unterricht nur, wenn sie dazu aufgefordert wird oder wenn sie sich der richtigen Antwort ganz sicher ist. Erst vor knapp vier Jahren ist sie mit ihrer Familie aus dem kriegsgeplagten Kabul nach Österreich gekommen – ohne ein Wort Deutsch. Um ihr Deutsch noch weiter zu verbessern, wiederholt sie aus eigenem Antrieb die 4. Klasse der Neuen Mittelschule, denn ab Herbst will sie ihre Schullaufbahn an einem Gymnasium fortsetzen.

Nicht Fahrrad fahren können – für Jugendliche ist das eine große Sache: So ziemlich alle können es. Wer es nicht kann, wird zum Außenseiter. Zudem ist man auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, der gerade in den Außengebieten von Wien seltener fährt als viele glauben. Amina kann also nicht Rad fahren. Als ich das begreife, bekommt auch ein anderes Erlebnis eine ganz neue Bedeutung: Im April war ich mit Amina bei der „Langen Nacht der Forschung“. Ich hatte diesen  Besuch bei Wiens Forschungseinrichtungen an meiner Schule als freiwillige Exkursion angeboten.

 „Da sind so viele spannende Orte, die wir besuchen können. Wann musst Du denn spätestens wieder zuhause sein?“, fragte ich sie.  „Ich muss um 20 Uhr wieder zuhause sein.“ Die Lange Nacht der Forschung ging von 17 bis 24 Uhr, so blieben für Amina kaum zwei Stunden Zeit.
Ich war davon ausgegangen, dass ein 15jähriges Mädchen in Begleitung einer Lehrerin an solch einer Veranstaltung am Freitagabend länger ausbleiben darf.
„Ist es denn in Ordnung für deine Eltern, dass du hier bist?“ fragte ich nach.
„Ja“, sagte Amina, „meine Mutter findet es eh gut, dass ich hier bin. Aber wissen Sie, ich muss bei der U-Bahn Endstation den letzten Bus erwischen, der fährt um 20 Uhr. Sonst muss ich eine halbe Stunde zu Fuß gehen.“

Dass der letzte Bus am Freitag bereits um 20 Uhr fährt, hatte mich überrascht. Ansonsten aber hatte ich mir nicht mehr dabei gedacht. Vielmehr hatte ich mich gefreut, dass Amina zum ersten Mal die Universität Wien und die Medizinische Universität betreten hat und sichtlich beeindruckt war von den großartigen Gebäuden und dem Forschungsdrang der Leute, die sie dort traf.

Was ich mich jetzt frage: Warum hatte sie mir nicht schon damals erzählt, dass sie nicht Rad fahren kann? Viele Schüler finden sich zu einfach damit ab, etwas nicht zu können. Gleichzeitig schämen sie sich dafür. Und oft sind es ja gerade diese „kleinen Dinge“, die größere Einschränkungen nach sich ziehen: Jemand der nicht lesen kann, hat in allen Fächern Probleme.
Jemand, der die deutsche Sprache nicht gut beherrscht, hat überall Schwierigkeiten, sich mitzuteilen. Und jemand, der nicht Rad fahren kann, ist auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen und dadurch von Abendveranstaltungen in der Innenstadt quasi ausgeschlossen.
„Amina, hast Du noch einen Moment Zeit?“, spreche ich sie nach der Schule an. Wir haben an diesem Tag zur selben Stunde aus, und ich stehe mit meinem Rad am Parkplatz. Sie schert aus der Gruppe ihrer Freundinnen aus und kommt zu mir rüber. Ich plaudere erst etwas Allgemeines mit ihr, bis der Parkplatz leer ist und wir allein sind.
„Amina“, frage ich dann direkt, „möchtest Du Rad fahren lernen?“
Sie zögert kurz. „Ich würde das schon gern lernen. Aber ich habe ja gar kein Rad. Und da ist auch niemand, der mir dabei helfen kann. Ich weiß nicht.“
Ich drücke ihr mein Rad in die Hand: „Hier ist mein Fahrrad. Ich bin hier. Lass es uns einfach einmal
probieren.“
Es geht besser, als wir beide erwartet haben: Ohne die Pedale zu verwenden, taucht Amina mit den Beinen an und rollt ein paar Meter. Das hört sich vielleichtleicht an, aber dabei muss man schon viel  beachten und sich gut konzentrieren. Der nächste Schritt ist lenken, geradeaus schauen, Füße  hochhalten, das Gleichgewicht bewahren und am Ende auch noch vorsichtig bremsen; das bedarf schon der vollen Aufmerksamkeit. Amina hat ein Talent fürs Rad fahren, und schon nach
einer Viertelstunde „Laufrad“-Übungen nehmen wir die Pedale dazu. Ich stütze am Gepäckträger und nach dem wackeligen Start klappen die ersten Tempi gleich ganz gut. „Großartig! Du hast schon ein gutes Gefühl für das Rad. Jetzt musst du üben, üben und nochmals üben, damit du es richtig gut lernst.“
Sie schaut mich an: „Aber ich habe doch kein Rad.“
Auch darauf bin ich vorbereitet und reiche ihr den Zweitschlüssel für mein Fahrradschloss: „Du kannst mein Rad ab sofort jederzeit benutzen um zu üben.“
Ich sehe ihr an, dass sie gern will, aber noch nicht überzeugt ist: „Aber was machen Sie denn dann? Sie brauchen es doch auch.“
„Ich habe zuhause noch ein zweites Rad, das ich solange benutzen werde.“


Amina lernt schnell Rad fahren. Die größte Herausforderung bei diesem kleinen, aber für Amina doch so wichtigen Lernprojekt ist tatsächlich die Zeit. Die Pausenzeiten sind kurz und hauptsächlich zur Erfüllung der Grundbedürfnisse ausgelegt. Viel mehr hat da nicht Platz. Eine Mittagspause von Amina ist in meine Freizeit gefallen, und wir haben uns meist getroffen, wenn Amina gegessen hatte. Nach Absprache mit einer anderen Lehrerin konnten wir diese 30 Minuten nutzen, um Rad fahren zu üben.
Der Schulalltag ist stark durchgetaktet und wir Lehrer unterrichten sehr viele Kinder. Deshalb merken wir oft gar nicht, was sie am dringendsten lernen sollten.
Ich sehe Amina zwei Stunden in der Woche; ich kenne sie eigentlich gar nicht so gut. Hätte es dieses zufällige Gespräch in der Pause nicht gegeben, ich hätte nie erfahren, dass sie nicht Rad fahren kann.
Bei Amina war es im Gegensatz zu vielen anderen Schülern nicht Scham, die sie vom Lernen abhielt. Es war fast noch schlimmer: es war ihr gar nicht bewusst, dass es möglich ist. Während ich Amina zusehe, wie sie auf meinem Rad stolz ihre Runden auf dem Schulhof dreht, frage ich mich, wie viele Aminas es in meinen Klassen noch gibt, von denen ich noch nichts weiß. Von denen ich nichts weiß, weil sie eben nicht so präsent sind wie andere Schüler im Unterricht, die z.B. durch viele Fragen oder durch Stören meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Was ist mit all den Aminas, die so gut und brav
mitmachen, dass niemand sich fragt, welche Talente es hier zu fördern gäbe?

Dieses Wochenende ist Amina mit ihrem Bruder gemeinsam zurück an die Schule gekommen und hat
mein Rad abgeholt. Sie ist dann den ganzen Weg nach Hause geradelt und ihr Bruder ist daneben hergelaufen. Amina fährt jetzt Rad.

„Was hast Du eigentlich am Wochenende gemacht“, frage ich Dilara, während ich meine Sachen nach der Stunde zusammenpacke. Dilara ist eine Schülerin, die auch immer so still in meiner Physik-Klasse sitzt und von der ich eigentlich so gut wie nichts weiß, außer, dass sie regelmäßig ihre Hausaufgaben macht und nie stört.

Dass Amina jetzt Rad fahren kann, ist einem Zufall zu verdanken. Ich will nicht mehr auf Zufälle warten, ich werde stattdessen Gelegenheiten schaffen. „Eigentlich wollte ich schwimmen gehen…“,  fängt sie an zu erzählen.

Über die Autorin:
Christina ist Absolventin der Medizinischen Universität Wien und wirkt als Fellow an einer Neuen Mittelschule in Wien, Simmering.

Mittwoch, 11. Juni 2014

Gülsah Demir - "Jedes Kind kann"

Jedes Kind kann....


Dass jedes Kind kann, wurde uns bei der Kick-Off-Veranstaltung zur Begrüßung des neuen Fellowjahrgangs wieder eindrucksvoll bewiesen: Schulkinder unserer Fellows haben durch den Abend geführt. Und auch die Keynote habe nicht Erwachsene gehalten, sondern Gülsah Demir, eine elfjährige Schülerin von Fellow‘12 Olivia. Sie hat ihre Rede zum Thema „Jedes Kind kann“ selbst geschrieben.


Gülsah Demir "Jedes Kind kann" from Teach For Austria on Vimeo.

Weitere Eindrücke in Bildern findet man hier.
  

Mittwoch, 4. Juni 2014

Ja, das geht.



Eine Schulgeschichte von Claudia Müllauer
 


 „Komm, die 50 schaffen wir noch“, ermuntert mich Tamara, die neben mir auf der Matte liegt und der die Sit-ups scheinbar deutlich weniger zu schaffen machen als mir.
„Klar“, entgegne ich „55 sind auch noch drin.“ Der Schweiß läuft in Strömen und doch gibt es nichts Schöneres für mich, als mich zum Abschluss der Woche mit meiner Kollegin Tamara  in der schuleigenen Turnhalle noch einmal so richtig auszupowern. Tamara steuert Übungen aus dem Krafttraining bei, ich welche aus dem Yoga und wir genießen es, uns dabei gegenseitig anzuspornen.
„Das macht so schön den Kopf frei“, sagt Tamara, als wir nach den Übungen auf der Matte liegen, um wieder zu Atem zu kommen.
„Das brauch ich aber auch. Ich habe diese Woche die Englisch-Schularbeiten von vier 2. Klassen korrigiert. Dann noch Geschichte, Geografie, EDV, Soziales Lernen und Bildnerische Erziehung – da weiß ich manchmal wirklich nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“

Ich bin jetzt in meinem zweiten Jahr als Fellow an einer Neuen Mittelschule in Wien und habe es hier gut getroffen. Ich bin Klassenvorständin einer 2. Klasse und zu meiner Kollegin Tamara, mit der ich viel zusammenarbeite, hat sich eine Freundschaft entwickelt – auch deshalb konnte ich mich schnell im Kollegium integrieren. Mit meinen Schülern kann ich gut arbeiten – viele von ihnen nutzen mich inzwischen als Vertrauensperson.
 
„Wir haben Sie gesehen“, sagt Lara, die mit Yasmin am Montag vor der sechsten Stunde neben dem Lehrertisch steht. „Sie waren am Freitagnachmittag mit Frau Danner eine Stunde lang in der Turnhalle."
Ich schaue die beiden an: „Habt ihr mich beobachtet?“
„Nee, wir mussten mal wieder länger bleiben, weil wir die Hausübung in Mathe vergessen hatten. Was haben Sie denn da gemacht?“, fragt Lara.
„Sie sahen so zufrieden und entspannt aus, als Sie da rausgekommen sind. Haben Sie ein Wellnessprogramm gemacht?“, will Yasmin wissen.
Ich muss kurz lachen: „Könnte man so sagen.“
„Können wir das auch mal machen? Im Unterricht?“, fragt Lara.
Ich zögere kurz. Unterrichtszeit ist wertvoll. Aber ja, gerade jetzt, zu Beginn der sechsten Stunde, wäre das eine gute Aktivierung am Anfang. „Wenn die anderen auch Lust dazu haben, klar.“
„Hey“, ruft Lara in die Klasse. „Frau Müllauer macht heute Wellness mit uns!“
„Cool. Sollen wir uns dazu hinlegen?“, kommt sofort die Frage aus der Klasse.
„Im Gegenteil, steht mal alle auf.“ Die ganze Klasse tut es, neugierig, was als nächstes passiert.
„So, und jetzt alle mal auf ein Bein stellen, das andere soweit anwinkeln, dass der Fuß am Oberschenkel ankommt. Dann die Arme über den Kopf zusammen. Mit etwas Fantasie sollte man dann einen Baum erkennen können."
Die Schüler fragen: „Und was sollen wir dann weiter machen?“
„Gar nichts, einfach nur halten.“
Ich sehe wie einige es nicht schaffen, ein Bein vom Boden zu heben, ohne zu schwanken. Andere kippen fast um, als sie dann ihre Arme heben und die, die es schaffen, hören nach drei Sekunden wieder auf.

„Los, versucht es noch mal, ihr werdet doch nicht gleich aufgeben“, feuere ich sie an.
Aber ich bin die Einzige, die hier auf einem Bein steht, die Arme hoch. Die Schüler sitzen schon wieder auf ihren Plätzen. „Das ist doch kein Wellness, das ist ja richtig anstrengend“, beschweren sie sich. „Das macht echt keinen Spaß!“
Die Schüler sind frustriert und traurig, weil sie merken, dass sie eine so einfache Übung nicht schaffen.

„Das passiert mir und den anderen Kollegen fast täglich“, antwortet mir Tamara im Lehrerzimmer, als ich ihr berichte, dass die Schüler es gar nicht wirklich probiert haben. „Die Kinder bewegen sich ja auch deshalb zu wenig, weil sie wissen, dass sie da Schwierigkeiten haben und nur schwer mit diesen Frustrationserlebnissen umgehen können.“

„Franz, ich kann gut verstehen, dass Du genervt bist wegen dem Fünfer in der Mathe-Schularbeit.“
Schüler, denen es – aus welchen Gründen auch immer – schwer fällt, gut mitzumachen, behalte ich im Anschluss der Stunde gern noch für einen Moment da. Nicht um zu schimpfen, sondern um mit ihnen zusammen zu besprechen, was los ist.
„Was machst Du denn jetzt, um wieder besser drauf zu kommen.“
„Nach Hause gehen. Computer spielen.“
„Bei dem Wetter? Die Sonne scheint, willst Du da nicht lieber draußen was machen?“
„Nein, keine Lust. Ich spiel lieber Computer. Dazu trink ich einen Liter Eistee und  esse eine Packung Chips. Da komm ich am besten runter."
Wie er da so auf seinem Stuhl sitzt, die Schultern hochgezogen, den Rücken krumm, übergewichtig, der Kopf hängend und mehr auf sein Handy konzentriert als auf unser Gespräch, sehe ich vor mir, wie sein Leben weiter geht, wenn er so weiter macht.
„Oder Fahrradfahren? Bewegung ist doch super, wenn man schlecht drauf ist. Mir tut das immer total gut. Oder Freunde treffen?“
„Nee, kein Bock auf Radfahren. Und meine Freunde treffe ich auf Facebook.“
„Und das bringt Dich wirklich wieder auf bessere Laune?“
Er zögert einen Moment: „Nicht wirklich, aber dann denk ich wenigstens nicht dran.“

Chips und Eistee, dieses Menü lieben meine Schüler. Auch am Schulbuffet gibt es ein reichhaltiges Angebot an Schokolade, süßen Getränken und Wurstsemmeln. Nicht gerade das, was die Konzentration der Schüler nachhaltig fördert. Aber trotzdem ist es von den Schülern regelmäßig umlagert. Von den Schülern, die es sich leisten können. Es gibt auch welche, die ganz ohne Frühstück zur Schule kommen  und denen das Geld fehlt, etwas beim Schulbuffet zu kaufen. Auch keine gute Basis zum Lernen.



Und irgendwie scheint das alles normal zu sein an meiner Schule: Kinder werden immer unsportlicher, können schwer mit Frustrationserlebnissen umgehen und ernähren sich ungesund. Wobei für mich das Schlimmste ist: alle scheinen sich damit abgefunden zu haben. Die Eltern. Die Schule. Und auch die Schüler selbst.

Tamara ist wenig überrascht, als ich ihr im Lehrerzimmer davon berichte.
„Lass uns was draus machen“, schlägt sie direkt vor. „Wir haben doch im Juni Projektwoche, da packen wir das an."
„Ich bin dabei, lass uns das richtig groß aufziehen“, sage ich, ohne überhaupt eine Vorstellung zu haben, wie das Projekt aussehen könnte. Ich weiß nur, dass ich was tun muss, denn ich will, dass die Schüler ihr Potential erkennen und nutzen; für sich und für die Welt.
„Wir müssen das größer aufziehen als nur Sport“, sage ich. Ich denke an die vielen Kinder mit Übergewicht. „Wir müssen auch was zur gesunden Ernährung machen. Und zur Achtsamkeit. Und die Schüler müssen lernen, mit Kalorientabellen zu rechnen.“
Schnell haben wir die Kollegen an Bord für unsere Projektwoche: Frau Kleibl, Mathelehrerin wird zu Kalorientabellen arbeiten; Frau Seifert, Biologielehrerin, wird zum Thema gesunde Ernährung arbeiten; Tamara kümmert sich um Ausdauer und Krafttraining und ich um Yoga und Achtsamkeit. Und alle zusammen essen wir jeden Tag eine gesunde Jause, damit die Kinder lernen, dass gesundes Essen auch schmeckt.
Die anderen Kollegen finden unsere Idee auch gut, fragen aber sofort: „Glaubt ihr wirklich, dass ihr unsere Schüler für Sport und gesunde Ernährung begeistern könnt? Unsere Schüler, die zum Frühstück Chips und Schokolade essen und deren größte sportliche Betätigung am Computer stattfindet?“

Ja, das geht“, antworte ich spontan. „Gemeinsam machen wir das möglich.“

Über die Autorin:
Claudia ist Absolventin der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
und wirkt als Fellow an einer Neuen MIttelschule in Wien, Favoriten.

Montag, 26. Mai 2014

Die Welt retten - so geht das.

Eine Schulgeschichte von Mathias Kluger

Die meisten meiner Schüler und Kollegen gehen jetzt nach Hause. Ich gehe zu den „Ökokids“, wie jeden Donnerstag um 15:50 Uhr. Vor einem Klassenzimmer sehe ich Marcel, der mit dem Klassenvorstand der 3b spricht: „Herr Weingraber, vielleicht können Sie uns ja helfen und darauf achten, dass die Heizung aus ist, wenn Sie die Klasse zumachen.“
Mein Lehrerkollege, der gerade dabei ist, die Tür abzuschließen, verharrt in der Bewegung und schaut verwundert auf.

„Wir verschwenden zu viel Energie“, fährt Marcel fort.
„Ich hab grad durch die Tür gesehen, dass hier noch die Heizung aufgedreht ist und die Fenster gleichzeitig gekippt sind. Wissen Sie eigentlich, wie viele Planeten wir bräuchten, wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden, wie wir hier in Österreich?
Mein Kollege, dessen Schlüssel immer noch halb gedreht in der Tür steckt, schmunzelt und sagt: „Nein, keine Ahnung.“
„Mehr als zweieinhalb.“ Marcel macht eine kurze Pause.
„Aber wir haben nur eine einzige. Deshalb müssen wir was tun und direkt hier in der Schule anfangen.“



Ich unterrichte in Wien in einer Neuen Mittelschule neben Englisch, Turnen, Biologie auch Geografie und wollte an meiner Schule zusätzlich mit den Kindern speziell zum Thema Nachhaltigkeit arbeiten. Warum? Weil ich glaube, dass auch Elfjährige mit schlechten Startbedingungen Veränderung bewirken können. Dass jeder, ganz egal wo er ist, Verantwortung für die Umwelt
trägt und sie nutzen kann, wenn er weiß, wie das geht. Deshalb habe ich eine freiwillige Übung entwickelt: die „Ökokids“. Immer am späten Donnerstag, eigentlich schon nach Schulschluss. Ich hatte nicht mit allzu viel Interesse gerechnet, doch 13 Schülerinnen und Schüler aus den zweiten Klassen sind jede Woche mit Begeisterung dabei.

Wenn ich zu den Ökokids komme, herrscht meist schon emsiges Treiben. Heute knien zwei Schüler vor der Heizung und untersuchen den Thermostat. Ein paar Kinder sitzen auf dem Boden über ein Plakat gebeugt. Andere bemalen große, grüne Zettel mit den Worten „Altpapier“ und „Restmüll“. Eine weitere Gruppe wieder unterhält sich quer durch das Klassenzimmer. Was für andere nur wie Chaos aussieht, zeigt mir, dass die Kinder sich alle schon mit ihren Aufgaben befassen.
Fast unbemerkt komme ich zum Pult, und erst als Karl den andern zuzischt: „Der Herr Kluger ist da“, schauen weitere Schüler auf, rufen sofort: „Was machen wir heute?“
„Wir sprechen heute noch einmal über die Präsentation von letzter Woche. Und hallo auch erstmal.“

Die Kinder drehen sich von ihren Plätzen aus nach vorne, und wir fangen direkt an:
„Erzählt mal, jetzt so mit ein paar Tagen Abstand, wie hat euch denn selbst unser Vortrag zum Ökologischen Fußabdruck in der 3b gefallen? Die sind ja immerhin ein Jahr älter als ihr.“
Ich fand es super, dass wir so ein tolles Feedback bekommen haben, aber es gibt noch ein paar Sachen, die wir besser machen können beim nächsten Mal“, eröffnet Karl selbstkritisch.
„Dass wir da als Gruppe alle zusammen standen und präsentiert haben, das war so wie in einer echten Mannschaft“, sagt Merve.
„Jeder konnte zu seinem Thema was sagen und die fünfzig Minuten waren total schnell um“, sagt Mehmet.
„Gut“, sage ich, „und glaubt ihr, dass die Schüler in der anderen Klasse verstanden haben, was sie machen können, um ihren eigenen Ökologischen Fußabdruck kleiner zu machen?“
Für einen Moment herrscht Stille, dann sagt Fabia: „Also, ich glaube schon, dass die kapiert haben, dass jeder was tun kann: Müll trennen, stoßlüften statt dauerlüften, richtig ausschalten statt Stand-by-Modus, Heizung runter drehen und so. Wir waren da ja fast so kleine Öko-Sheriffs“. Die Klasse lacht. Dann von Merve: „Ich habe in der Pause gehört, dass die jetzt tatsächlich viel mehr drauf achten, dass sie in der Klasse Altpapier und Restmüll in den zwei Mistkübeln richtig trennen.“
Ich muss selbst gar nichts mehr sagen, die Ökokids diskutieren den Vortrag von letzter Woche ganz allein. Ich mache die Augen zu und lausche in die Klasse. Begriffe wie „Nachhaltigkeit“, „natürliche Ressourcen“, „Problembewusstsein“ und „Ökologischer Fußabdruck“ fliegen hin und her; die Kinder benutzen sie mittlerweile ganz natürlich.

Als wir uns zu Beginn des Schuljahres trafen, war das noch etwas anders. „Was machen wir denn bei den „Ökokids“ überhaupt?“, fragte Karl, als wir uns das erste Mal nach Schulschluss trafen.
„Was wollt ihr denn machen? Ihr habt doch bestimmt einen Grund, weshalb ihr hier seid“, fragte ich die Schüler. „Sie haben gesagt, dass wir hier die Welt retten können.“
Ich war mir ziemlich sicher, dass ich das so nie gesagt hatte, aber gut.
„Die Welt retten: Habt ihr denn eine Idee, wie das geht?“
Zugegeben, eine große Frage. Aber als auch nach einer Minute noch nichts kam, gab ich ein paar Standardbeispiele, um den Schülern mit ein paar Ideen für den Start zu helfen. Ich fing an mit: „Die Sommer- ferien sind doch gerade erst vorbei. Wer von Euch ist denn in den Urlaub geflogen? Wer von Euch ist mit der Bahn gefahren?“ Als ich mit der Frage fertig war, bereute ich sie auch schon. Ich hatte den Kontext meiner Schüler nicht mitgedacht. Die Antworten waren entsprechend: „Ich bin noch nie geflogen.“ „Wissen Sie eigentlich, was Bahnfahren mit einer ganzen Familie kostet?“ „Wir fahren nie in den Urlaub.“

Ich versuchte es also mit etwas anderem: „Wie oft badet ihr denn in Eurer Familie zuhause?“ Wasserverbrauch ist immer ein gutes Beispiel für den Einstieg. Erneutes Schweigen.
Dann die Aufklärung durch Michael: „Herr Kluger, wir haben zuhause keine Badewanne, wir haben nur eine Dusche“. Mit diesen Antworten hatte ich nicht gerechnet. Ich war mir auf einmal gar nicht mehr  sicher, ob ein Thema wie Nachhaltigkeit für meine Schüler überhaupt relevant war. Aber im Gegenteil: die Kinder fragten begeistert: „Wie können wir denn jetzt die Welt retten?“ Aus dem Bauch heraus, ohne lange zu überlegen, antwortete ich: „Wisst ihr was? Wir können hier und jetzt zusammen anfangen rauszufinden, wie das geht.“
Dann sind wir durch die Schule gegangen und haben geschaut, ob alle Mistkübel klare Schilder haben: Altpapier oder Restmüll. Wir haben geschaut, ob die Heizungen überall zugedreht sind, wenn gelüftet wird. Und dann sind wir zusammen mit dem Schulwart in den Heizungskeller der Schule gegangen, um zu schauen, wie die Schule mit dem Thema Energie umgeht und ob wir nicht auch den Ökologischen Fußabdruck der Schule verkleinern können.

Und gerade dieser kleine Ausflug in den Heizungskeller hatte eine große Wirkung. Zwischen all den Rohren und Kesseln, Hebeln und Rädern wuchs bei den Schülern – auch im übertragenen Sinne – eine Vorstellung davon, dass man die Dinge auf dieser Welt tatsächlich verändern kann – wenn man nur weiß, an welchen Rädern man drehen und an welchen Hebeln man ziehen muss. Wir stiegen aus dem Heizungskeller, und die Ökokids waren sich einig: „Wir wollen allen in der Schule erzählen, wie einfach es ist, die Welt zu retten.“
So entstand die Idee einer Vortragsreihe von Schülern für Schüler zum Thema Nachhaltigkeit.
„Aber Herr Kluger“, unterbricht Mehmet meinen Gedanken, „wie fanden Sie denn selbst den Vortrag letzte Woche? Sie waren doch auch mit dabei.“
„Ich fand den Vortrag auch schon ziemlich super. Vielleicht 90 %. Beim nächsten Vortrag kommen wir aber bestimmt auf die 100%. Was ich aber viel wichtiger finde, ist, dass ihr das alles wirklich verstanden habt, was ihr da erzählt. Denn das ist sehr wichtig. Ihr wisst ja…“

„…Schüler sind die Konsumenten und Entscheidungsträger von morgen. Wenn man Dinge wirklich verändern will, muss man sie auch wirklich verstehen. Wenn man etwas verändern will, muss man bei sich selbst und seinem Umfeld anfangen“, fällt die Klasse mir geschlossen ins Wort und alle grinsen mich an.
Ich frage mich, ob ich diese drei Sätze nicht vielleicht doch etwas zu oft wiederholt habe. Plötzlich ist es schon wieder zwanzig vor fünf und die wöchentlichen fünfzig Minuten vorbei. Die Schüler kommen zu dem Abschlussritual zusammen. Wir stehen im Kreis, halten uns an den Händen und rufen „Ökooooooo“, dann reißen wir die Hände nach oben und rufen „Kiiiiiiiiids!“

Dann stürmen alle Kinder aus der Klasse, um die Welt zu retten.
So geht das.



Über den Autor:
Mathias ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Wien und wirkt als Fellow
an einer Neuen Mittelschule in Wien, Simmering.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Als ob ich fliege - Eine Schulgeschichte von Ursula Lütterfelds

Es ist Freitag, die vierte Stunde hat gerade begonnen, und ich gehe den Korridor zur Klasse 1b entlang. Schon auf dem Gang kann ich sie hören. Gerade läuft noch ein Schüler in die Klasse, obwohl er schon lange im Raum sein sollte. Freitag, vierte Stunde, heißt für die Schüler, dass eine lange Woche hinter ihnen liegt, und dass alle Gedanken schon im Wochenende oder bei den nahen Osterferien sind. Ich öffne die Tür zum Klassenzimmer, und die Lautstärke geht noch eine Stufe hoch. Ich nicke der Klasse kurz zu, will keine Zeit verlieren, hole mein Smartphone und den externen Lautsprecher aus meiner Tasche, schalte die Musik ein, und die Trompeten fangen an zu spielen.

Selima, Du bekommst diese Woche Deine Medaille in der Kategorie Performance“, sage ich und reiche ihr eine der Plaketten, die ich am Tag zuvor gebastelt habe. Die Klasse applaudiert, Selima strahlt, nimmt die Medaille entgegen und verstaut sie gleich in ihrem Bankfach, wo sie schon andere Medaillen liegen hat. „Michi, Du bekommst diese Woche Deine Medaille in der Kategorie Selbständigkeit. Du hast die ganze Woche die Hausaufgaben gebracht, ohne dass ich auch nur einmal nachfragen musste.“ Die Klasse applaudiert, Michi strahlt und öffnet seine Federmappe, wo er seine Medaillen verwahrt. „Ceydan, Du bekommst diese Woche Deine Medaille in der Kategorie Teamwork. Du hast so toll mit Karl zusammengearbeitet.“ Die Klasse applaudiert, und Ceydan lächelt ihrem Teampartner von Mittwoch zu.

Zwanzig von fünfundzwanzig Schülern bekommen diese Woche eine Medaille. Als alle ihre erhalten haben, hört man statt Lärm jetzt noch die letzte der wenigen Textzeilen der Titelmelodie von Rocky: „Gonn fly now, Flying high now, Gonna fly, fly, fly.“ „Frau Lütterfelds, mit dem arbeite ich nicht zusammen, der ist voll blöd“. Mitmachen, sich anstrengen, in etwas gut sein – da waren sich alle einig – ist ziemlich uncool!


Es war Ende Oktober, ich war noch recht neu in der Klasse und stand, von dem Chaos im Klassenzimmer mal ganz abgesehen, vor einer großen Frage: Was mache ich eigentlich mit den Kindern, die gut mitarbeiten? Wie kann ich sie und ihr Verhalten stärken?
Es ist ja nie die ganze Klasse, die durchdreht, sondern meist nur eine Handvoll an Schülern – die dann aber die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Wie zur Bestätigung flog auch noch die Tür auf, und herein kam Florian, der lauthals in die Runde fragte „Was läuft? Alles klar bei Euch?“
„Wir setzen uns jetzt alle hin“, rief ich in den Lärm der Klasse.
„Wir haben viel zu tun. Wir müssen viele Punkte abarbeiten! Also bitte!“
Einige Schüler taten mir auch den Gefallen, mich anzuschauen, aber Begeisterung sieht anders aus.
Als ich die Stunde plante, hatte ich mir vorgestellt, dass sich die Schüler in Teamarbeit an einzelnen Lernstationen das Thema „Vogel“ selbständig über zwei Stunden erarbeiten, um es dann dem Rest der Klasse vorzustellen. Das war mein Plan. Kinder anschreien war nicht mein Plan.

Was also konnte ich tun? Auf der einen Seite: Die Schüler haben viel Energie, sie teilen sich gern mit, sind sehr interessiert, mit anderen in Kontakt zu treten. Wenn sie etwas interessiert, sind sie kaum zu bremsen. Andererseits: Die Schüler stehen sich oft selbst im Weg, haben wenig Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie wissen nicht, was ihre Stärken sind oder dass sie überhaupt welche haben. Viele sehen sich selbst nur als Störer, halten sich gar für dumm. Und das schlimmste ist, sie scheinen sich daran gewöhnt zu haben.

„Du musst da mal so richtig durchgreifen. Damit die kapieren, wer Chef ist. Und wer es nicht begreift – Pech gehabt“, bekam ich als wohlmeinenden Tipp von verschiedener Seite. Oder: „Lass die einfach mal was abschreiben. Eine Stunde lang. Wirkt Wunder.“ Aber genau so wollte ich es ja nicht machen. Ich war Co-Klassenvorstand der 1b, sah die Kinder jede Woche zwölf Stunden und wollte mich nicht einfach auf mein Glück verlassen, dass es von allein besser würde. Und daran gewöhnen, wollte ich mich auch nicht. Ich brauchte eine andere Lösung und zwar schnell.

Nach den Weihnachtsferien ging ich gleich am Morgen, noch bevor die Schüler da waren, in die 1b und hängte ein großes Plakat an die Wand. Als ich dann in meiner Stunde in die Klasse kam, wurde ich sofort mit Fragen bombardiert: „Frau Lütterfelds, was ist das für ein Plakat?
Was heißt Performance? Sind wir jetzt beim Sport oder was?“
„Hat jemand von Euch eine Idee, was Performance ist?“
Fünfundzwanzig Augenpaare schauten mich an, aber niemand hatte eine Antwort.
„Respekt? Kann das jemand erklären?“
„Wer mich nicht respektiert, den box ich um“, rief Marvin.
„Teamwork und Fairness?“, fragte ich weiter.
„Wenn ich jemandem vielleicht nicht umboxe, auch wenn er nervt?“, schlug Michael vor.
Nicht ganz die Antworten, die ich erhofft hatte. Aber es war ja auch fast ein Paradox: Ständig wird von den Kindern gefordert, sich nach bestimmten Werten zu verhalten, aber fast keiner nimmt sich Zeit mit den Kindern zu besprechen, wie diese Werte im Alltag aussehen können.

„Wir merken gerade, dass man diese Begriffe auf dem Plakat gar nicht so leicht mit Worten erklären kann. Deshalb werde ich ab jetzt Medaillen verteilen, wenn ich bei Euch das entsprechende Verhalten sehe. So können wir zusammen rausfinden, was Respekt, Selbständigkeit, Performance sowie Teamgeist und Fairness ist und wie sich das anfühlt“, erklärte ich. Ein bisschen enttäuscht war ich nach der Stunde schon, weil so wenig von den Kindern selbst gekommen war. Respekt war fast wie ein Fremdwort für sie. Aber umgekehrt gedacht hat mich das auch in meiner Idee bestärkt.
Jeden Freitag in der vierten Stunde vor dem Sportunterricht gehe ich seitdem in die Klasse, schalte die Titelmelodie von Rocky ein und verteile die Medaillen an die Kinder. Am Ende des Raumes hängt das große Plakat, in das die Schüler selber die Anzahl ihrer Medaillen eintragen. Ich komme, um allen zu präsentieren, wo sie Verhalten zeigen, das einen Unterschied macht.


Ich komme, weil auch die „ewigen Störer“ Lob und Anerkennung für positive Entwicklung verdient haben, sei sie auch noch so gering. Ich komme, um all diese scheinbar kleinen Dinge zu würdigen, die als Ganzes genommen einen großen Unterschied machen. Anfangs hatte ich nicht das Gefühl, dass die Kinder besonders darauf anspringen. Sie haben die Medaillen zwar entgegengenommen, aber Freude hat keiner offen gezeigt. Fast so, als ob sie die Medaillen mir zum Gefallen annehmen würden. Umso überraschter war ich dann beim Elternsprechtag, als Selima mit ihrem Vater zusammen in meinen Raum trat.

„Selima, ich würde mich sehr freuen, wenn Du Dich öfter meldest. Du kannst das doch“, hatte ich ihr vor ein paar Wochen geraten. „Okay“, war ihre schmallippige Antwort. Tatsächlich hat sie sich dann auch öfter gemeldet und mehr als einmal eine Medaille in der Kategorie „Performance“ bekommen.
„Also, das mit diesen Medaillen“, eröffnete der Vater direkt das Gespräch, „damit haben sie bei meiner Tochter voll ins Schwarze getroffen. Das ist jetzt immer das Erste, was sie am Freitag erzählt, wenn sie nach Hause kommt.“
„Das mit dem Lied finde ich auch super“, strahlte Selima mich an. „Das wissen Sie gar nicht, glaube ich, aber wenn Sie weg sind, dann singen immer ganz viele noch ‚Fly high now. Gonna fly, fly, fly.‘ Und genau so fühle ich mich dann auch. Als ob ich fliege.“

Über die Autorin: Ursula ist Absolventin der Wirtschaftsuniversität Wien und wirkt als Fellow
an einer Neuen Mittelschule in Wien, Donaustadt.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Mehr ist möglich - ERFAHRUNGEN EINER TEACH FOR AUSTRIA-FELLOW


Von Clarissa Böck, Teach For Austria-Fellow 2012

Kürzlich verfasste Clarissa Böck, Fellow 2012, in der Zeitschrift news & science des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und -forschung einen Artikel zu dem wichtigen Thema Potenzialförderung. Hier einige inspirierende Auszüge daraus:

Wenn Onur* Fragen beantwortet, überholt er sich beim Sprechen manchmal fast. Er stellt viele Fragen, sich und allen anderen. Wenn ihm eine Antwort nicht ausreicht oder er etwas nicht richtig findet, widerspricht er so lange, bis eine neue Lösung gefunden wurde. Samantha ist elf und schreibt Texte, für die sie vier Heftseiten braucht. In ihrer Schülerakte kann man lesen, dass sie das gar nicht „richtig“ kann, Rechtschreib- und Grammatikschwächen lassen sie kaum ein Wort korrekt zu Papier bringen. Doch sie liebt es, Geschichten zu erfinden, sie kann im Schreiben versinken. Taner ist ein beeindruckender Schauspieler. Er kann mit seinem Körper und seiner Stimme alles nachmachen, was er einmal gesehen oder gehört hat. Wenn ihn etwas langweilt, kann er sich so lange glaubwürdig tot stellen, bis er Panik in meiner Stimme hört. Sorana beherrscht zwei Sprachen fließend und lernt mit beeindruckender Willensstärke Deutsch. Sie lebt erst seit vier Monaten in Österreich. “   (…)
 

 Fellow Florian Rabenstein beim Unterrichten
Ich unterrichte in einer Neuen Mittelschule in Wien. Meine Schüler/innen zeigen jeden Tag, was alles möglich ist, wie viel Potenzial in ihnen steckt. Doch von diesen Kindern wird das gar nicht erwartet – und leicht übersehen. Denn die meisten von ihnen haben ganz andere Sorgen als den eigenen Lernfortschritt. Viele kämpfen mit Herausforderungen, die man nicht erahnen würde, wenn man sie beim Lernen beobachtet. Ihrer Herkunft nach als „bildungsfern“ bezeichnet, sind die Bedingungen, unter denen sich diese Kinder entwickeln oft denkbar schlecht: Ökonomisch gehören sie zu den Schwächsten, das familiäre Umfeld einiger ist ganz anders, als man sich das für Kinder wünscht, in den allermeisten Fällen kann es aus unterschiedlichen Gründen jedenfalls keine schulische Unterstützung bieten. .“  (…)

 Fellow Jill Molser im Klassenzimmer

Häufig entscheidet die soziale Herkunft über den weiteren Bildungsweg. Dass infolgedessen immer noch viele Kinder und Jugendliche sich selbst für weniger wertvoll, weniger talentiert halten, kommt in der öffentlichen Diskussion nicht zur Sprache. Viele meiner Schüler/innen zählen zu ihnen. Sie meinen genau zu wissen, in welche Schulen „die klügeren Kinder" gehen. Zum Glück liegen sie damit falsch. Doch ebenso wenig wie dort, setzen sich ihre vielfältigen individuellen Talente von allein und automatisch durch.

Doch inzwischen werden die meisten Klassen meiner Schule als Neue Mittelschule geführt. Dadurch ergeben sich mehr Möglichkeiten, diese Potenziale der Schüler/innen zu erkennen und zu fördern: Viele Unterrichtseinheiten werden von zwei Lehrer/innen gemeinsam geleitet, in zusätzlichen Förderkursen und Übungen mit kleinen Lerngruppen können wir besonders auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Doch auch für uns Lehrende schafft das mehr Zeit und Raum zur Verwirklichung unserer Ideen.“ (…)

Vor allem eines zeigen mir die vielen engagierten Lehrer/innen in unserem oft als so schwierig wahrgenommenen Schultyp aber ganz besonders: Wenn ich will, dass meine Schüler/innen entdecken, was sie begeistert, muss ich diese Begeisterung und Neugier für das, was wir gemeinsam tun auch selbst ausstrahlen können. Als Ort zum Entdecken und Entwickeln von Stärken darf Schule deshalb auch die Lehrenden nicht in ihrer Entfaltung einschränken.