Donnerstag, 8. Mai 2014

Mehr ist möglich - ERFAHRUNGEN EINER TEACH FOR AUSTRIA-FELLOW


Von Clarissa Böck, Teach For Austria-Fellow 2012

Kürzlich verfasste Clarissa Böck, Fellow 2012, in der Zeitschrift news & science des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und -forschung einen Artikel zu dem wichtigen Thema Potenzialförderung. Hier einige inspirierende Auszüge daraus:

Wenn Onur* Fragen beantwortet, überholt er sich beim Sprechen manchmal fast. Er stellt viele Fragen, sich und allen anderen. Wenn ihm eine Antwort nicht ausreicht oder er etwas nicht richtig findet, widerspricht er so lange, bis eine neue Lösung gefunden wurde. Samantha ist elf und schreibt Texte, für die sie vier Heftseiten braucht. In ihrer Schülerakte kann man lesen, dass sie das gar nicht „richtig“ kann, Rechtschreib- und Grammatikschwächen lassen sie kaum ein Wort korrekt zu Papier bringen. Doch sie liebt es, Geschichten zu erfinden, sie kann im Schreiben versinken. Taner ist ein beeindruckender Schauspieler. Er kann mit seinem Körper und seiner Stimme alles nachmachen, was er einmal gesehen oder gehört hat. Wenn ihn etwas langweilt, kann er sich so lange glaubwürdig tot stellen, bis er Panik in meiner Stimme hört. Sorana beherrscht zwei Sprachen fließend und lernt mit beeindruckender Willensstärke Deutsch. Sie lebt erst seit vier Monaten in Österreich. “   (…)
 

 Fellow Florian Rabenstein beim Unterrichten
Ich unterrichte in einer Neuen Mittelschule in Wien. Meine Schüler/innen zeigen jeden Tag, was alles möglich ist, wie viel Potenzial in ihnen steckt. Doch von diesen Kindern wird das gar nicht erwartet – und leicht übersehen. Denn die meisten von ihnen haben ganz andere Sorgen als den eigenen Lernfortschritt. Viele kämpfen mit Herausforderungen, die man nicht erahnen würde, wenn man sie beim Lernen beobachtet. Ihrer Herkunft nach als „bildungsfern“ bezeichnet, sind die Bedingungen, unter denen sich diese Kinder entwickeln oft denkbar schlecht: Ökonomisch gehören sie zu den Schwächsten, das familiäre Umfeld einiger ist ganz anders, als man sich das für Kinder wünscht, in den allermeisten Fällen kann es aus unterschiedlichen Gründen jedenfalls keine schulische Unterstützung bieten. .“  (…)

 Fellow Jill Molser im Klassenzimmer

Häufig entscheidet die soziale Herkunft über den weiteren Bildungsweg. Dass infolgedessen immer noch viele Kinder und Jugendliche sich selbst für weniger wertvoll, weniger talentiert halten, kommt in der öffentlichen Diskussion nicht zur Sprache. Viele meiner Schüler/innen zählen zu ihnen. Sie meinen genau zu wissen, in welche Schulen „die klügeren Kinder" gehen. Zum Glück liegen sie damit falsch. Doch ebenso wenig wie dort, setzen sich ihre vielfältigen individuellen Talente von allein und automatisch durch.

Doch inzwischen werden die meisten Klassen meiner Schule als Neue Mittelschule geführt. Dadurch ergeben sich mehr Möglichkeiten, diese Potenziale der Schüler/innen zu erkennen und zu fördern: Viele Unterrichtseinheiten werden von zwei Lehrer/innen gemeinsam geleitet, in zusätzlichen Förderkursen und Übungen mit kleinen Lerngruppen können wir besonders auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Doch auch für uns Lehrende schafft das mehr Zeit und Raum zur Verwirklichung unserer Ideen.“ (…)

Vor allem eines zeigen mir die vielen engagierten Lehrer/innen in unserem oft als so schwierig wahrgenommenen Schultyp aber ganz besonders: Wenn ich will, dass meine Schüler/innen entdecken, was sie begeistert, muss ich diese Begeisterung und Neugier für das, was wir gemeinsam tun auch selbst ausstrahlen können. Als Ort zum Entdecken und Entwickeln von Stärken darf Schule deshalb auch die Lehrenden nicht in ihrer Entfaltung einschränken.