Dienstag, 24. Juni 2014

Amina fährt jetzt Rad

Eine Schulgeschichte von Christina Planitzer

„Wir sind dann nur noch den Berg runter, das war ursuper“, sagt Elif.
„Da bin ich auch schon mal gefahren, das ist echt wunderschön“, sage ich.
Ich stehe während meiner Pausenaufsicht mit meinen Schülerinnen Elif und Amina im Schulhof, und wir plaudern. Beide sind fünfzehn; ich unterrichte sie zwei Stunden pro Woche in Chemie.
„Amina, bist Du da auch schon mal runtergefahren?“, frage ich, um sie in das Gespräch mit einzubeziehen. Aber Elif ist schneller: „Ach, Frau Planitzer, jeder, der ein Rad hat, ist da schon mal runtergefahren.“ Amina überrascht uns beide, als sie sagt: „Ich kann nicht Rad fahren.“

Amina ist eine ruhige Schülerin und fällt im lauten Schulalltag kaum auf. Sie spricht im Unterricht nur, wenn sie dazu aufgefordert wird oder wenn sie sich der richtigen Antwort ganz sicher ist. Erst vor knapp vier Jahren ist sie mit ihrer Familie aus dem kriegsgeplagten Kabul nach Österreich gekommen – ohne ein Wort Deutsch. Um ihr Deutsch noch weiter zu verbessern, wiederholt sie aus eigenem Antrieb die 4. Klasse der Neuen Mittelschule, denn ab Herbst will sie ihre Schullaufbahn an einem Gymnasium fortsetzen.

Nicht Fahrrad fahren können – für Jugendliche ist das eine große Sache: So ziemlich alle können es. Wer es nicht kann, wird zum Außenseiter. Zudem ist man auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, der gerade in den Außengebieten von Wien seltener fährt als viele glauben. Amina kann also nicht Rad fahren. Als ich das begreife, bekommt auch ein anderes Erlebnis eine ganz neue Bedeutung: Im April war ich mit Amina bei der „Langen Nacht der Forschung“. Ich hatte diesen  Besuch bei Wiens Forschungseinrichtungen an meiner Schule als freiwillige Exkursion angeboten.

 „Da sind so viele spannende Orte, die wir besuchen können. Wann musst Du denn spätestens wieder zuhause sein?“, fragte ich sie.  „Ich muss um 20 Uhr wieder zuhause sein.“ Die Lange Nacht der Forschung ging von 17 bis 24 Uhr, so blieben für Amina kaum zwei Stunden Zeit.
Ich war davon ausgegangen, dass ein 15jähriges Mädchen in Begleitung einer Lehrerin an solch einer Veranstaltung am Freitagabend länger ausbleiben darf.
„Ist es denn in Ordnung für deine Eltern, dass du hier bist?“ fragte ich nach.
„Ja“, sagte Amina, „meine Mutter findet es eh gut, dass ich hier bin. Aber wissen Sie, ich muss bei der U-Bahn Endstation den letzten Bus erwischen, der fährt um 20 Uhr. Sonst muss ich eine halbe Stunde zu Fuß gehen.“

Dass der letzte Bus am Freitag bereits um 20 Uhr fährt, hatte mich überrascht. Ansonsten aber hatte ich mir nicht mehr dabei gedacht. Vielmehr hatte ich mich gefreut, dass Amina zum ersten Mal die Universität Wien und die Medizinische Universität betreten hat und sichtlich beeindruckt war von den großartigen Gebäuden und dem Forschungsdrang der Leute, die sie dort traf.

Was ich mich jetzt frage: Warum hatte sie mir nicht schon damals erzählt, dass sie nicht Rad fahren kann? Viele Schüler finden sich zu einfach damit ab, etwas nicht zu können. Gleichzeitig schämen sie sich dafür. Und oft sind es ja gerade diese „kleinen Dinge“, die größere Einschränkungen nach sich ziehen: Jemand der nicht lesen kann, hat in allen Fächern Probleme.
Jemand, der die deutsche Sprache nicht gut beherrscht, hat überall Schwierigkeiten, sich mitzuteilen. Und jemand, der nicht Rad fahren kann, ist auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen und dadurch von Abendveranstaltungen in der Innenstadt quasi ausgeschlossen.
„Amina, hast Du noch einen Moment Zeit?“, spreche ich sie nach der Schule an. Wir haben an diesem Tag zur selben Stunde aus, und ich stehe mit meinem Rad am Parkplatz. Sie schert aus der Gruppe ihrer Freundinnen aus und kommt zu mir rüber. Ich plaudere erst etwas Allgemeines mit ihr, bis der Parkplatz leer ist und wir allein sind.
„Amina“, frage ich dann direkt, „möchtest Du Rad fahren lernen?“
Sie zögert kurz. „Ich würde das schon gern lernen. Aber ich habe ja gar kein Rad. Und da ist auch niemand, der mir dabei helfen kann. Ich weiß nicht.“
Ich drücke ihr mein Rad in die Hand: „Hier ist mein Fahrrad. Ich bin hier. Lass es uns einfach einmal
probieren.“
Es geht besser, als wir beide erwartet haben: Ohne die Pedale zu verwenden, taucht Amina mit den Beinen an und rollt ein paar Meter. Das hört sich vielleichtleicht an, aber dabei muss man schon viel  beachten und sich gut konzentrieren. Der nächste Schritt ist lenken, geradeaus schauen, Füße  hochhalten, das Gleichgewicht bewahren und am Ende auch noch vorsichtig bremsen; das bedarf schon der vollen Aufmerksamkeit. Amina hat ein Talent fürs Rad fahren, und schon nach
einer Viertelstunde „Laufrad“-Übungen nehmen wir die Pedale dazu. Ich stütze am Gepäckträger und nach dem wackeligen Start klappen die ersten Tempi gleich ganz gut. „Großartig! Du hast schon ein gutes Gefühl für das Rad. Jetzt musst du üben, üben und nochmals üben, damit du es richtig gut lernst.“
Sie schaut mich an: „Aber ich habe doch kein Rad.“
Auch darauf bin ich vorbereitet und reiche ihr den Zweitschlüssel für mein Fahrradschloss: „Du kannst mein Rad ab sofort jederzeit benutzen um zu üben.“
Ich sehe ihr an, dass sie gern will, aber noch nicht überzeugt ist: „Aber was machen Sie denn dann? Sie brauchen es doch auch.“
„Ich habe zuhause noch ein zweites Rad, das ich solange benutzen werde.“


Amina lernt schnell Rad fahren. Die größte Herausforderung bei diesem kleinen, aber für Amina doch so wichtigen Lernprojekt ist tatsächlich die Zeit. Die Pausenzeiten sind kurz und hauptsächlich zur Erfüllung der Grundbedürfnisse ausgelegt. Viel mehr hat da nicht Platz. Eine Mittagspause von Amina ist in meine Freizeit gefallen, und wir haben uns meist getroffen, wenn Amina gegessen hatte. Nach Absprache mit einer anderen Lehrerin konnten wir diese 30 Minuten nutzen, um Rad fahren zu üben.
Der Schulalltag ist stark durchgetaktet und wir Lehrer unterrichten sehr viele Kinder. Deshalb merken wir oft gar nicht, was sie am dringendsten lernen sollten.
Ich sehe Amina zwei Stunden in der Woche; ich kenne sie eigentlich gar nicht so gut. Hätte es dieses zufällige Gespräch in der Pause nicht gegeben, ich hätte nie erfahren, dass sie nicht Rad fahren kann.
Bei Amina war es im Gegensatz zu vielen anderen Schülern nicht Scham, die sie vom Lernen abhielt. Es war fast noch schlimmer: es war ihr gar nicht bewusst, dass es möglich ist. Während ich Amina zusehe, wie sie auf meinem Rad stolz ihre Runden auf dem Schulhof dreht, frage ich mich, wie viele Aminas es in meinen Klassen noch gibt, von denen ich noch nichts weiß. Von denen ich nichts weiß, weil sie eben nicht so präsent sind wie andere Schüler im Unterricht, die z.B. durch viele Fragen oder durch Stören meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Was ist mit all den Aminas, die so gut und brav
mitmachen, dass niemand sich fragt, welche Talente es hier zu fördern gäbe?

Dieses Wochenende ist Amina mit ihrem Bruder gemeinsam zurück an die Schule gekommen und hat
mein Rad abgeholt. Sie ist dann den ganzen Weg nach Hause geradelt und ihr Bruder ist daneben hergelaufen. Amina fährt jetzt Rad.

„Was hast Du eigentlich am Wochenende gemacht“, frage ich Dilara, während ich meine Sachen nach der Stunde zusammenpacke. Dilara ist eine Schülerin, die auch immer so still in meiner Physik-Klasse sitzt und von der ich eigentlich so gut wie nichts weiß, außer, dass sie regelmäßig ihre Hausaufgaben macht und nie stört.

Dass Amina jetzt Rad fahren kann, ist einem Zufall zu verdanken. Ich will nicht mehr auf Zufälle warten, ich werde stattdessen Gelegenheiten schaffen. „Eigentlich wollte ich schwimmen gehen…“,  fängt sie an zu erzählen.

Über die Autorin:
Christina ist Absolventin der Medizinischen Universität Wien und wirkt als Fellow an einer Neuen Mittelschule in Wien, Simmering.