Mittwoch, 4. Juni 2014

Ja, das geht.



Eine Schulgeschichte von Claudia Müllauer
 


 „Komm, die 50 schaffen wir noch“, ermuntert mich Tamara, die neben mir auf der Matte liegt und der die Sit-ups scheinbar deutlich weniger zu schaffen machen als mir.
„Klar“, entgegne ich „55 sind auch noch drin.“ Der Schweiß läuft in Strömen und doch gibt es nichts Schöneres für mich, als mich zum Abschluss der Woche mit meiner Kollegin Tamara  in der schuleigenen Turnhalle noch einmal so richtig auszupowern. Tamara steuert Übungen aus dem Krafttraining bei, ich welche aus dem Yoga und wir genießen es, uns dabei gegenseitig anzuspornen.
„Das macht so schön den Kopf frei“, sagt Tamara, als wir nach den Übungen auf der Matte liegen, um wieder zu Atem zu kommen.
„Das brauch ich aber auch. Ich habe diese Woche die Englisch-Schularbeiten von vier 2. Klassen korrigiert. Dann noch Geschichte, Geografie, EDV, Soziales Lernen und Bildnerische Erziehung – da weiß ich manchmal wirklich nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“

Ich bin jetzt in meinem zweiten Jahr als Fellow an einer Neuen Mittelschule in Wien und habe es hier gut getroffen. Ich bin Klassenvorständin einer 2. Klasse und zu meiner Kollegin Tamara, mit der ich viel zusammenarbeite, hat sich eine Freundschaft entwickelt – auch deshalb konnte ich mich schnell im Kollegium integrieren. Mit meinen Schülern kann ich gut arbeiten – viele von ihnen nutzen mich inzwischen als Vertrauensperson.
 
„Wir haben Sie gesehen“, sagt Lara, die mit Yasmin am Montag vor der sechsten Stunde neben dem Lehrertisch steht. „Sie waren am Freitagnachmittag mit Frau Danner eine Stunde lang in der Turnhalle."
Ich schaue die beiden an: „Habt ihr mich beobachtet?“
„Nee, wir mussten mal wieder länger bleiben, weil wir die Hausübung in Mathe vergessen hatten. Was haben Sie denn da gemacht?“, fragt Lara.
„Sie sahen so zufrieden und entspannt aus, als Sie da rausgekommen sind. Haben Sie ein Wellnessprogramm gemacht?“, will Yasmin wissen.
Ich muss kurz lachen: „Könnte man so sagen.“
„Können wir das auch mal machen? Im Unterricht?“, fragt Lara.
Ich zögere kurz. Unterrichtszeit ist wertvoll. Aber ja, gerade jetzt, zu Beginn der sechsten Stunde, wäre das eine gute Aktivierung am Anfang. „Wenn die anderen auch Lust dazu haben, klar.“
„Hey“, ruft Lara in die Klasse. „Frau Müllauer macht heute Wellness mit uns!“
„Cool. Sollen wir uns dazu hinlegen?“, kommt sofort die Frage aus der Klasse.
„Im Gegenteil, steht mal alle auf.“ Die ganze Klasse tut es, neugierig, was als nächstes passiert.
„So, und jetzt alle mal auf ein Bein stellen, das andere soweit anwinkeln, dass der Fuß am Oberschenkel ankommt. Dann die Arme über den Kopf zusammen. Mit etwas Fantasie sollte man dann einen Baum erkennen können."
Die Schüler fragen: „Und was sollen wir dann weiter machen?“
„Gar nichts, einfach nur halten.“
Ich sehe wie einige es nicht schaffen, ein Bein vom Boden zu heben, ohne zu schwanken. Andere kippen fast um, als sie dann ihre Arme heben und die, die es schaffen, hören nach drei Sekunden wieder auf.

„Los, versucht es noch mal, ihr werdet doch nicht gleich aufgeben“, feuere ich sie an.
Aber ich bin die Einzige, die hier auf einem Bein steht, die Arme hoch. Die Schüler sitzen schon wieder auf ihren Plätzen. „Das ist doch kein Wellness, das ist ja richtig anstrengend“, beschweren sie sich. „Das macht echt keinen Spaß!“
Die Schüler sind frustriert und traurig, weil sie merken, dass sie eine so einfache Übung nicht schaffen.

„Das passiert mir und den anderen Kollegen fast täglich“, antwortet mir Tamara im Lehrerzimmer, als ich ihr berichte, dass die Schüler es gar nicht wirklich probiert haben. „Die Kinder bewegen sich ja auch deshalb zu wenig, weil sie wissen, dass sie da Schwierigkeiten haben und nur schwer mit diesen Frustrationserlebnissen umgehen können.“

„Franz, ich kann gut verstehen, dass Du genervt bist wegen dem Fünfer in der Mathe-Schularbeit.“
Schüler, denen es – aus welchen Gründen auch immer – schwer fällt, gut mitzumachen, behalte ich im Anschluss der Stunde gern noch für einen Moment da. Nicht um zu schimpfen, sondern um mit ihnen zusammen zu besprechen, was los ist.
„Was machst Du denn jetzt, um wieder besser drauf zu kommen.“
„Nach Hause gehen. Computer spielen.“
„Bei dem Wetter? Die Sonne scheint, willst Du da nicht lieber draußen was machen?“
„Nein, keine Lust. Ich spiel lieber Computer. Dazu trink ich einen Liter Eistee und  esse eine Packung Chips. Da komm ich am besten runter."
Wie er da so auf seinem Stuhl sitzt, die Schultern hochgezogen, den Rücken krumm, übergewichtig, der Kopf hängend und mehr auf sein Handy konzentriert als auf unser Gespräch, sehe ich vor mir, wie sein Leben weiter geht, wenn er so weiter macht.
„Oder Fahrradfahren? Bewegung ist doch super, wenn man schlecht drauf ist. Mir tut das immer total gut. Oder Freunde treffen?“
„Nee, kein Bock auf Radfahren. Und meine Freunde treffe ich auf Facebook.“
„Und das bringt Dich wirklich wieder auf bessere Laune?“
Er zögert einen Moment: „Nicht wirklich, aber dann denk ich wenigstens nicht dran.“

Chips und Eistee, dieses Menü lieben meine Schüler. Auch am Schulbuffet gibt es ein reichhaltiges Angebot an Schokolade, süßen Getränken und Wurstsemmeln. Nicht gerade das, was die Konzentration der Schüler nachhaltig fördert. Aber trotzdem ist es von den Schülern regelmäßig umlagert. Von den Schülern, die es sich leisten können. Es gibt auch welche, die ganz ohne Frühstück zur Schule kommen  und denen das Geld fehlt, etwas beim Schulbuffet zu kaufen. Auch keine gute Basis zum Lernen.



Und irgendwie scheint das alles normal zu sein an meiner Schule: Kinder werden immer unsportlicher, können schwer mit Frustrationserlebnissen umgehen und ernähren sich ungesund. Wobei für mich das Schlimmste ist: alle scheinen sich damit abgefunden zu haben. Die Eltern. Die Schule. Und auch die Schüler selbst.

Tamara ist wenig überrascht, als ich ihr im Lehrerzimmer davon berichte.
„Lass uns was draus machen“, schlägt sie direkt vor. „Wir haben doch im Juni Projektwoche, da packen wir das an."
„Ich bin dabei, lass uns das richtig groß aufziehen“, sage ich, ohne überhaupt eine Vorstellung zu haben, wie das Projekt aussehen könnte. Ich weiß nur, dass ich was tun muss, denn ich will, dass die Schüler ihr Potential erkennen und nutzen; für sich und für die Welt.
„Wir müssen das größer aufziehen als nur Sport“, sage ich. Ich denke an die vielen Kinder mit Übergewicht. „Wir müssen auch was zur gesunden Ernährung machen. Und zur Achtsamkeit. Und die Schüler müssen lernen, mit Kalorientabellen zu rechnen.“
Schnell haben wir die Kollegen an Bord für unsere Projektwoche: Frau Kleibl, Mathelehrerin wird zu Kalorientabellen arbeiten; Frau Seifert, Biologielehrerin, wird zum Thema gesunde Ernährung arbeiten; Tamara kümmert sich um Ausdauer und Krafttraining und ich um Yoga und Achtsamkeit. Und alle zusammen essen wir jeden Tag eine gesunde Jause, damit die Kinder lernen, dass gesundes Essen auch schmeckt.
Die anderen Kollegen finden unsere Idee auch gut, fragen aber sofort: „Glaubt ihr wirklich, dass ihr unsere Schüler für Sport und gesunde Ernährung begeistern könnt? Unsere Schüler, die zum Frühstück Chips und Schokolade essen und deren größte sportliche Betätigung am Computer stattfindet?“

Ja, das geht“, antworte ich spontan. „Gemeinsam machen wir das möglich.“

Über die Autorin:
Claudia ist Absolventin der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
und wirkt als Fellow an einer Neuen MIttelschule in Wien, Favoriten.