Montag, 26. Mai 2014

Die Welt retten - so geht das.

Eine Schulgeschichte von Mathias Kluger

Die meisten meiner Schüler und Kollegen gehen jetzt nach Hause. Ich gehe zu den „Ökokids“, wie jeden Donnerstag um 15:50 Uhr. Vor einem Klassenzimmer sehe ich Marcel, der mit dem Klassenvorstand der 3b spricht: „Herr Weingraber, vielleicht können Sie uns ja helfen und darauf achten, dass die Heizung aus ist, wenn Sie die Klasse zumachen.“
Mein Lehrerkollege, der gerade dabei ist, die Tür abzuschließen, verharrt in der Bewegung und schaut verwundert auf.

„Wir verschwenden zu viel Energie“, fährt Marcel fort.
„Ich hab grad durch die Tür gesehen, dass hier noch die Heizung aufgedreht ist und die Fenster gleichzeitig gekippt sind. Wissen Sie eigentlich, wie viele Planeten wir bräuchten, wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden, wie wir hier in Österreich?
Mein Kollege, dessen Schlüssel immer noch halb gedreht in der Tür steckt, schmunzelt und sagt: „Nein, keine Ahnung.“
„Mehr als zweieinhalb.“ Marcel macht eine kurze Pause.
„Aber wir haben nur eine einzige. Deshalb müssen wir was tun und direkt hier in der Schule anfangen.“



Ich unterrichte in Wien in einer Neuen Mittelschule neben Englisch, Turnen, Biologie auch Geografie und wollte an meiner Schule zusätzlich mit den Kindern speziell zum Thema Nachhaltigkeit arbeiten. Warum? Weil ich glaube, dass auch Elfjährige mit schlechten Startbedingungen Veränderung bewirken können. Dass jeder, ganz egal wo er ist, Verantwortung für die Umwelt
trägt und sie nutzen kann, wenn er weiß, wie das geht. Deshalb habe ich eine freiwillige Übung entwickelt: die „Ökokids“. Immer am späten Donnerstag, eigentlich schon nach Schulschluss. Ich hatte nicht mit allzu viel Interesse gerechnet, doch 13 Schülerinnen und Schüler aus den zweiten Klassen sind jede Woche mit Begeisterung dabei.

Wenn ich zu den Ökokids komme, herrscht meist schon emsiges Treiben. Heute knien zwei Schüler vor der Heizung und untersuchen den Thermostat. Ein paar Kinder sitzen auf dem Boden über ein Plakat gebeugt. Andere bemalen große, grüne Zettel mit den Worten „Altpapier“ und „Restmüll“. Eine weitere Gruppe wieder unterhält sich quer durch das Klassenzimmer. Was für andere nur wie Chaos aussieht, zeigt mir, dass die Kinder sich alle schon mit ihren Aufgaben befassen.
Fast unbemerkt komme ich zum Pult, und erst als Karl den andern zuzischt: „Der Herr Kluger ist da“, schauen weitere Schüler auf, rufen sofort: „Was machen wir heute?“
„Wir sprechen heute noch einmal über die Präsentation von letzter Woche. Und hallo auch erstmal.“

Die Kinder drehen sich von ihren Plätzen aus nach vorne, und wir fangen direkt an:
„Erzählt mal, jetzt so mit ein paar Tagen Abstand, wie hat euch denn selbst unser Vortrag zum Ökologischen Fußabdruck in der 3b gefallen? Die sind ja immerhin ein Jahr älter als ihr.“
Ich fand es super, dass wir so ein tolles Feedback bekommen haben, aber es gibt noch ein paar Sachen, die wir besser machen können beim nächsten Mal“, eröffnet Karl selbstkritisch.
„Dass wir da als Gruppe alle zusammen standen und präsentiert haben, das war so wie in einer echten Mannschaft“, sagt Merve.
„Jeder konnte zu seinem Thema was sagen und die fünfzig Minuten waren total schnell um“, sagt Mehmet.
„Gut“, sage ich, „und glaubt ihr, dass die Schüler in der anderen Klasse verstanden haben, was sie machen können, um ihren eigenen Ökologischen Fußabdruck kleiner zu machen?“
Für einen Moment herrscht Stille, dann sagt Fabia: „Also, ich glaube schon, dass die kapiert haben, dass jeder was tun kann: Müll trennen, stoßlüften statt dauerlüften, richtig ausschalten statt Stand-by-Modus, Heizung runter drehen und so. Wir waren da ja fast so kleine Öko-Sheriffs“. Die Klasse lacht. Dann von Merve: „Ich habe in der Pause gehört, dass die jetzt tatsächlich viel mehr drauf achten, dass sie in der Klasse Altpapier und Restmüll in den zwei Mistkübeln richtig trennen.“
Ich muss selbst gar nichts mehr sagen, die Ökokids diskutieren den Vortrag von letzter Woche ganz allein. Ich mache die Augen zu und lausche in die Klasse. Begriffe wie „Nachhaltigkeit“, „natürliche Ressourcen“, „Problembewusstsein“ und „Ökologischer Fußabdruck“ fliegen hin und her; die Kinder benutzen sie mittlerweile ganz natürlich.

Als wir uns zu Beginn des Schuljahres trafen, war das noch etwas anders. „Was machen wir denn bei den „Ökokids“ überhaupt?“, fragte Karl, als wir uns das erste Mal nach Schulschluss trafen.
„Was wollt ihr denn machen? Ihr habt doch bestimmt einen Grund, weshalb ihr hier seid“, fragte ich die Schüler. „Sie haben gesagt, dass wir hier die Welt retten können.“
Ich war mir ziemlich sicher, dass ich das so nie gesagt hatte, aber gut.
„Die Welt retten: Habt ihr denn eine Idee, wie das geht?“
Zugegeben, eine große Frage. Aber als auch nach einer Minute noch nichts kam, gab ich ein paar Standardbeispiele, um den Schülern mit ein paar Ideen für den Start zu helfen. Ich fing an mit: „Die Sommer- ferien sind doch gerade erst vorbei. Wer von Euch ist denn in den Urlaub geflogen? Wer von Euch ist mit der Bahn gefahren?“ Als ich mit der Frage fertig war, bereute ich sie auch schon. Ich hatte den Kontext meiner Schüler nicht mitgedacht. Die Antworten waren entsprechend: „Ich bin noch nie geflogen.“ „Wissen Sie eigentlich, was Bahnfahren mit einer ganzen Familie kostet?“ „Wir fahren nie in den Urlaub.“

Ich versuchte es also mit etwas anderem: „Wie oft badet ihr denn in Eurer Familie zuhause?“ Wasserverbrauch ist immer ein gutes Beispiel für den Einstieg. Erneutes Schweigen.
Dann die Aufklärung durch Michael: „Herr Kluger, wir haben zuhause keine Badewanne, wir haben nur eine Dusche“. Mit diesen Antworten hatte ich nicht gerechnet. Ich war mir auf einmal gar nicht mehr  sicher, ob ein Thema wie Nachhaltigkeit für meine Schüler überhaupt relevant war. Aber im Gegenteil: die Kinder fragten begeistert: „Wie können wir denn jetzt die Welt retten?“ Aus dem Bauch heraus, ohne lange zu überlegen, antwortete ich: „Wisst ihr was? Wir können hier und jetzt zusammen anfangen rauszufinden, wie das geht.“
Dann sind wir durch die Schule gegangen und haben geschaut, ob alle Mistkübel klare Schilder haben: Altpapier oder Restmüll. Wir haben geschaut, ob die Heizungen überall zugedreht sind, wenn gelüftet wird. Und dann sind wir zusammen mit dem Schulwart in den Heizungskeller der Schule gegangen, um zu schauen, wie die Schule mit dem Thema Energie umgeht und ob wir nicht auch den Ökologischen Fußabdruck der Schule verkleinern können.

Und gerade dieser kleine Ausflug in den Heizungskeller hatte eine große Wirkung. Zwischen all den Rohren und Kesseln, Hebeln und Rädern wuchs bei den Schülern – auch im übertragenen Sinne – eine Vorstellung davon, dass man die Dinge auf dieser Welt tatsächlich verändern kann – wenn man nur weiß, an welchen Rädern man drehen und an welchen Hebeln man ziehen muss. Wir stiegen aus dem Heizungskeller, und die Ökokids waren sich einig: „Wir wollen allen in der Schule erzählen, wie einfach es ist, die Welt zu retten.“
So entstand die Idee einer Vortragsreihe von Schülern für Schüler zum Thema Nachhaltigkeit.
„Aber Herr Kluger“, unterbricht Mehmet meinen Gedanken, „wie fanden Sie denn selbst den Vortrag letzte Woche? Sie waren doch auch mit dabei.“
„Ich fand den Vortrag auch schon ziemlich super. Vielleicht 90 %. Beim nächsten Vortrag kommen wir aber bestimmt auf die 100%. Was ich aber viel wichtiger finde, ist, dass ihr das alles wirklich verstanden habt, was ihr da erzählt. Denn das ist sehr wichtig. Ihr wisst ja…“

„…Schüler sind die Konsumenten und Entscheidungsträger von morgen. Wenn man Dinge wirklich verändern will, muss man sie auch wirklich verstehen. Wenn man etwas verändern will, muss man bei sich selbst und seinem Umfeld anfangen“, fällt die Klasse mir geschlossen ins Wort und alle grinsen mich an.
Ich frage mich, ob ich diese drei Sätze nicht vielleicht doch etwas zu oft wiederholt habe. Plötzlich ist es schon wieder zwanzig vor fünf und die wöchentlichen fünfzig Minuten vorbei. Die Schüler kommen zu dem Abschlussritual zusammen. Wir stehen im Kreis, halten uns an den Händen und rufen „Ökooooooo“, dann reißen wir die Hände nach oben und rufen „Kiiiiiiiiids!“

Dann stürmen alle Kinder aus der Klasse, um die Welt zu retten.
So geht das.



Über den Autor:
Mathias ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Wien und wirkt als Fellow
an einer Neuen Mittelschule in Wien, Simmering.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Als ob ich fliege - Eine Schulgeschichte von Ursula Lütterfelds

Es ist Freitag, die vierte Stunde hat gerade begonnen, und ich gehe den Korridor zur Klasse 1b entlang. Schon auf dem Gang kann ich sie hören. Gerade läuft noch ein Schüler in die Klasse, obwohl er schon lange im Raum sein sollte. Freitag, vierte Stunde, heißt für die Schüler, dass eine lange Woche hinter ihnen liegt, und dass alle Gedanken schon im Wochenende oder bei den nahen Osterferien sind. Ich öffne die Tür zum Klassenzimmer, und die Lautstärke geht noch eine Stufe hoch. Ich nicke der Klasse kurz zu, will keine Zeit verlieren, hole mein Smartphone und den externen Lautsprecher aus meiner Tasche, schalte die Musik ein, und die Trompeten fangen an zu spielen.

Selima, Du bekommst diese Woche Deine Medaille in der Kategorie Performance“, sage ich und reiche ihr eine der Plaketten, die ich am Tag zuvor gebastelt habe. Die Klasse applaudiert, Selima strahlt, nimmt die Medaille entgegen und verstaut sie gleich in ihrem Bankfach, wo sie schon andere Medaillen liegen hat. „Michi, Du bekommst diese Woche Deine Medaille in der Kategorie Selbständigkeit. Du hast die ganze Woche die Hausaufgaben gebracht, ohne dass ich auch nur einmal nachfragen musste.“ Die Klasse applaudiert, Michi strahlt und öffnet seine Federmappe, wo er seine Medaillen verwahrt. „Ceydan, Du bekommst diese Woche Deine Medaille in der Kategorie Teamwork. Du hast so toll mit Karl zusammengearbeitet.“ Die Klasse applaudiert, und Ceydan lächelt ihrem Teampartner von Mittwoch zu.

Zwanzig von fünfundzwanzig Schülern bekommen diese Woche eine Medaille. Als alle ihre erhalten haben, hört man statt Lärm jetzt noch die letzte der wenigen Textzeilen der Titelmelodie von Rocky: „Gonn fly now, Flying high now, Gonna fly, fly, fly.“ „Frau Lütterfelds, mit dem arbeite ich nicht zusammen, der ist voll blöd“. Mitmachen, sich anstrengen, in etwas gut sein – da waren sich alle einig – ist ziemlich uncool!


Es war Ende Oktober, ich war noch recht neu in der Klasse und stand, von dem Chaos im Klassenzimmer mal ganz abgesehen, vor einer großen Frage: Was mache ich eigentlich mit den Kindern, die gut mitarbeiten? Wie kann ich sie und ihr Verhalten stärken?
Es ist ja nie die ganze Klasse, die durchdreht, sondern meist nur eine Handvoll an Schülern – die dann aber die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Wie zur Bestätigung flog auch noch die Tür auf, und herein kam Florian, der lauthals in die Runde fragte „Was läuft? Alles klar bei Euch?“
„Wir setzen uns jetzt alle hin“, rief ich in den Lärm der Klasse.
„Wir haben viel zu tun. Wir müssen viele Punkte abarbeiten! Also bitte!“
Einige Schüler taten mir auch den Gefallen, mich anzuschauen, aber Begeisterung sieht anders aus.
Als ich die Stunde plante, hatte ich mir vorgestellt, dass sich die Schüler in Teamarbeit an einzelnen Lernstationen das Thema „Vogel“ selbständig über zwei Stunden erarbeiten, um es dann dem Rest der Klasse vorzustellen. Das war mein Plan. Kinder anschreien war nicht mein Plan.

Was also konnte ich tun? Auf der einen Seite: Die Schüler haben viel Energie, sie teilen sich gern mit, sind sehr interessiert, mit anderen in Kontakt zu treten. Wenn sie etwas interessiert, sind sie kaum zu bremsen. Andererseits: Die Schüler stehen sich oft selbst im Weg, haben wenig Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie wissen nicht, was ihre Stärken sind oder dass sie überhaupt welche haben. Viele sehen sich selbst nur als Störer, halten sich gar für dumm. Und das schlimmste ist, sie scheinen sich daran gewöhnt zu haben.

„Du musst da mal so richtig durchgreifen. Damit die kapieren, wer Chef ist. Und wer es nicht begreift – Pech gehabt“, bekam ich als wohlmeinenden Tipp von verschiedener Seite. Oder: „Lass die einfach mal was abschreiben. Eine Stunde lang. Wirkt Wunder.“ Aber genau so wollte ich es ja nicht machen. Ich war Co-Klassenvorstand der 1b, sah die Kinder jede Woche zwölf Stunden und wollte mich nicht einfach auf mein Glück verlassen, dass es von allein besser würde. Und daran gewöhnen, wollte ich mich auch nicht. Ich brauchte eine andere Lösung und zwar schnell.

Nach den Weihnachtsferien ging ich gleich am Morgen, noch bevor die Schüler da waren, in die 1b und hängte ein großes Plakat an die Wand. Als ich dann in meiner Stunde in die Klasse kam, wurde ich sofort mit Fragen bombardiert: „Frau Lütterfelds, was ist das für ein Plakat?
Was heißt Performance? Sind wir jetzt beim Sport oder was?“
„Hat jemand von Euch eine Idee, was Performance ist?“
Fünfundzwanzig Augenpaare schauten mich an, aber niemand hatte eine Antwort.
„Respekt? Kann das jemand erklären?“
„Wer mich nicht respektiert, den box ich um“, rief Marvin.
„Teamwork und Fairness?“, fragte ich weiter.
„Wenn ich jemandem vielleicht nicht umboxe, auch wenn er nervt?“, schlug Michael vor.
Nicht ganz die Antworten, die ich erhofft hatte. Aber es war ja auch fast ein Paradox: Ständig wird von den Kindern gefordert, sich nach bestimmten Werten zu verhalten, aber fast keiner nimmt sich Zeit mit den Kindern zu besprechen, wie diese Werte im Alltag aussehen können.

„Wir merken gerade, dass man diese Begriffe auf dem Plakat gar nicht so leicht mit Worten erklären kann. Deshalb werde ich ab jetzt Medaillen verteilen, wenn ich bei Euch das entsprechende Verhalten sehe. So können wir zusammen rausfinden, was Respekt, Selbständigkeit, Performance sowie Teamgeist und Fairness ist und wie sich das anfühlt“, erklärte ich. Ein bisschen enttäuscht war ich nach der Stunde schon, weil so wenig von den Kindern selbst gekommen war. Respekt war fast wie ein Fremdwort für sie. Aber umgekehrt gedacht hat mich das auch in meiner Idee bestärkt.
Jeden Freitag in der vierten Stunde vor dem Sportunterricht gehe ich seitdem in die Klasse, schalte die Titelmelodie von Rocky ein und verteile die Medaillen an die Kinder. Am Ende des Raumes hängt das große Plakat, in das die Schüler selber die Anzahl ihrer Medaillen eintragen. Ich komme, um allen zu präsentieren, wo sie Verhalten zeigen, das einen Unterschied macht.


Ich komme, weil auch die „ewigen Störer“ Lob und Anerkennung für positive Entwicklung verdient haben, sei sie auch noch so gering. Ich komme, um all diese scheinbar kleinen Dinge zu würdigen, die als Ganzes genommen einen großen Unterschied machen. Anfangs hatte ich nicht das Gefühl, dass die Kinder besonders darauf anspringen. Sie haben die Medaillen zwar entgegengenommen, aber Freude hat keiner offen gezeigt. Fast so, als ob sie die Medaillen mir zum Gefallen annehmen würden. Umso überraschter war ich dann beim Elternsprechtag, als Selima mit ihrem Vater zusammen in meinen Raum trat.

„Selima, ich würde mich sehr freuen, wenn Du Dich öfter meldest. Du kannst das doch“, hatte ich ihr vor ein paar Wochen geraten. „Okay“, war ihre schmallippige Antwort. Tatsächlich hat sie sich dann auch öfter gemeldet und mehr als einmal eine Medaille in der Kategorie „Performance“ bekommen.
„Also, das mit diesen Medaillen“, eröffnete der Vater direkt das Gespräch, „damit haben sie bei meiner Tochter voll ins Schwarze getroffen. Das ist jetzt immer das Erste, was sie am Freitag erzählt, wenn sie nach Hause kommt.“
„Das mit dem Lied finde ich auch super“, strahlte Selima mich an. „Das wissen Sie gar nicht, glaube ich, aber wenn Sie weg sind, dann singen immer ganz viele noch ‚Fly high now. Gonna fly, fly, fly.‘ Und genau so fühle ich mich dann auch. Als ob ich fliege.“

Über die Autorin: Ursula ist Absolventin der Wirtschaftsuniversität Wien und wirkt als Fellow
an einer Neuen Mittelschule in Wien, Donaustadt.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Mehr ist möglich - ERFAHRUNGEN EINER TEACH FOR AUSTRIA-FELLOW


Von Clarissa Böck, Teach For Austria-Fellow 2012

Kürzlich verfasste Clarissa Böck, Fellow 2012, in der Zeitschrift news & science des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und -forschung einen Artikel zu dem wichtigen Thema Potenzialförderung. Hier einige inspirierende Auszüge daraus:

Wenn Onur* Fragen beantwortet, überholt er sich beim Sprechen manchmal fast. Er stellt viele Fragen, sich und allen anderen. Wenn ihm eine Antwort nicht ausreicht oder er etwas nicht richtig findet, widerspricht er so lange, bis eine neue Lösung gefunden wurde. Samantha ist elf und schreibt Texte, für die sie vier Heftseiten braucht. In ihrer Schülerakte kann man lesen, dass sie das gar nicht „richtig“ kann, Rechtschreib- und Grammatikschwächen lassen sie kaum ein Wort korrekt zu Papier bringen. Doch sie liebt es, Geschichten zu erfinden, sie kann im Schreiben versinken. Taner ist ein beeindruckender Schauspieler. Er kann mit seinem Körper und seiner Stimme alles nachmachen, was er einmal gesehen oder gehört hat. Wenn ihn etwas langweilt, kann er sich so lange glaubwürdig tot stellen, bis er Panik in meiner Stimme hört. Sorana beherrscht zwei Sprachen fließend und lernt mit beeindruckender Willensstärke Deutsch. Sie lebt erst seit vier Monaten in Österreich. “   (…)
 

 Fellow Florian Rabenstein beim Unterrichten
Ich unterrichte in einer Neuen Mittelschule in Wien. Meine Schüler/innen zeigen jeden Tag, was alles möglich ist, wie viel Potenzial in ihnen steckt. Doch von diesen Kindern wird das gar nicht erwartet – und leicht übersehen. Denn die meisten von ihnen haben ganz andere Sorgen als den eigenen Lernfortschritt. Viele kämpfen mit Herausforderungen, die man nicht erahnen würde, wenn man sie beim Lernen beobachtet. Ihrer Herkunft nach als „bildungsfern“ bezeichnet, sind die Bedingungen, unter denen sich diese Kinder entwickeln oft denkbar schlecht: Ökonomisch gehören sie zu den Schwächsten, das familiäre Umfeld einiger ist ganz anders, als man sich das für Kinder wünscht, in den allermeisten Fällen kann es aus unterschiedlichen Gründen jedenfalls keine schulische Unterstützung bieten. .“  (…)

 Fellow Jill Molser im Klassenzimmer

Häufig entscheidet die soziale Herkunft über den weiteren Bildungsweg. Dass infolgedessen immer noch viele Kinder und Jugendliche sich selbst für weniger wertvoll, weniger talentiert halten, kommt in der öffentlichen Diskussion nicht zur Sprache. Viele meiner Schüler/innen zählen zu ihnen. Sie meinen genau zu wissen, in welche Schulen „die klügeren Kinder" gehen. Zum Glück liegen sie damit falsch. Doch ebenso wenig wie dort, setzen sich ihre vielfältigen individuellen Talente von allein und automatisch durch.

Doch inzwischen werden die meisten Klassen meiner Schule als Neue Mittelschule geführt. Dadurch ergeben sich mehr Möglichkeiten, diese Potenziale der Schüler/innen zu erkennen und zu fördern: Viele Unterrichtseinheiten werden von zwei Lehrer/innen gemeinsam geleitet, in zusätzlichen Förderkursen und Übungen mit kleinen Lerngruppen können wir besonders auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Doch auch für uns Lehrende schafft das mehr Zeit und Raum zur Verwirklichung unserer Ideen.“ (…)

Vor allem eines zeigen mir die vielen engagierten Lehrer/innen in unserem oft als so schwierig wahrgenommenen Schultyp aber ganz besonders: Wenn ich will, dass meine Schüler/innen entdecken, was sie begeistert, muss ich diese Begeisterung und Neugier für das, was wir gemeinsam tun auch selbst ausstrahlen können. Als Ort zum Entdecken und Entwickeln von Stärken darf Schule deshalb auch die Lehrenden nicht in ihrer Entfaltung einschränken.