Donnerstag, 17. Dezember 2015

Zu Besuch bei Frau Bock


Als ich Ende Oktober in einer unserer 4. Klassen auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen kam, war ich ob der Reaktionen mehr als schockiert. Zwar hatte ich erwartet, dass in den Köpfen unserer Kinder das ein oder andere Vorurteil herumgeistern würde, aber die Kommentare, die ich an diesem Tag zu hören bekam, haben selbst mich überrascht:

„Die Flüchtlinge sind undankbar. Wir geben ihnen Essen und Decken, aber sie wollen immer mehr.“

„Die machen die Züge schmutzig und lassen überall ihren Müll zurück.“

„Was wollen die überhaupt bei uns? Wir haben keinen Platz für sie. Die sollen verschwinden!“


Sechs Wochen später. Gemeinsam mit knapp zwanzig Schülerinnen und Schülern aus allen Klassen stehe ich vor dem Ute Bock-Haus im 10. Bezirk. Unterstützt von unserer Religionslehrerin habe ich eine schulweite Weihnachts-Spendenaktion für das Flüchtlingsheim organisiert. Heute ist der Tag an dem wir unsere Geschenke (hauptsächlich Schulsachen, Hygieneartikel und Bekleidung) den Bewohnern des Ute Bock-Hauses übergeben.

Die Begeisterung der Kinder für diese Aktion war überwältigend: Gerechnet hätte ich bestenfalls mit einer Geschenkbox pro Klasse, also 14 insgesamt – es sind dann etwa 50 geworden. Eine Kollegin hat sich spontan bereiterklärt ihre Freistunde am Mittwoch dazu zu nützen die Geschenke mit dem Auto zu transportieren. Als die Kinder die Schachteln im Büro des Flüchtlingsheims übergeben, merke ich wie stolz sie sind auf das was sie geleistet haben.

Danach dürfen wir Frau Bock noch persönlich treffen. Sie ist noch sichtlich gezeichnet von einem Schlaganfall letztes Jahr, aber ihr Engagement und ihre Begeisterung sind ungebrochen: „Die Menschen sind toll, erst gestern haben wir wieder vier Wohnungen geschenkt bekommen – da kommen jetzt syrische Familien rein.“

Unsere Kinder hören gespannt zu, einige berichten selbst von persönlichen Erfahrungen mit Flüchtlingen. Eine Schülerin erzählt: „Ich wohne seit kurzem in einer WG, da sind jetzt auch zwei Afghanen. Die sind sehr fleißig und ich lerne manchmal Deutsch mit ihnen. Es ist schön, wenn man den Menschen helfen kann.“

Zum Abschluss nutze ich die Gelegenheit mich bei Frau Bock zu bedanken, weil sie für mich immer eine große Inspiration war. Sie lächelt mich an und meint: „Schauts‘ dass ihr den Kindern was Gscheites beibringts. Das ist das Wichtigste“.

Bei der Rückfahrt sitzen wir in einer fast leeren Straßenbahn. Vor allem die älteren Schülerinnen und Schüler sind ungewohnt nachdenklich. Auch ich bin mal wieder sprachlos, ob der Dinge die man so als Lehrer erleben darf. 

Gregor Kainz, Fellow 2014

Donnerstag, 19. November 2015

Bildungsreform: Was haben Jelena, Ayse und Ahmad davon?

Die Bildungsreform macht erste kleine Schritte in die richtige Richtung, für sozial benachteiligte SchülerInnen passiert aber zu wenig.

Die Bildungsreform bringt ein wenig Bewegung in das veraltete österreichische Schulsystem. Das zweite verpflichtende Kindergartenjahr für Kinder mit Sprachdefiziten und der Bildungskompass sind Verbesserungen, welche in Zukunft für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem sorgen sollen. Die überfällige Einführung von W-LAN in den Klassenzimmern und die leicht verstärkte Autonomie für Schulstandorte sind ebenfalls positiv.

Nur was haben meine SchülerInnen Jelena, Ayse und Ahmad davon? Ihr Bildungserfolg hängt sehr stark von der Bildung und Herkunft Ihrer Eltern ab. Ihre Eltern haben geringe Bildung und wenig Einkommen. Vor allem in Österreichs Städten ist die soziale Segregation stark ausgeprägt. Zu früh steht fest, welche Chancen ein Kind in Zukunft haben wird. Dieses große Problem wird von dieser Bildungsreform nicht addressiert. Jelena, Ayse und Ahmad gehen leider leer aus.

Modellbezirke anstatt echter Reformen
Die flächendeckende Einführung einer gemeinsamen Schule der 10- bis 14- Jährigen hätte beweisen können, dass bei einer sozialen Durchmischung der SchülerInnen und entsprechenden individualisierten Förderung, alle profitieren können. Stattdessen werden in Zukunft, auf Grund der 15% Obergrenze, wohl nur in einzelnen Gemeinden und Bezirken Gesamtschul - Modellregionen eingeführt. Damit hängen die Bildungschancen eines Kindes in Zukunft, neben dem Bildungsgrad der Eltern, auch noch stärker als bisher vom Wohnort ab.

Damit alle Kinder in Zukunft die gleichen Chancen auf die beste Bildung haben, bleibt noch viel zu tun. Die individuelle Förderung muss bei der verbesserten Ausbildung der KindergartenpädagogInnen beginnen. Damit würde sich auch in der Gesellschaft das Bild der KindergartenpädagogInnen positiver darstellen.
Schulen müssen den Lernerfolg aller SchülerInnen in den Mittelpunkt stellen. SchülerInnen bei denen im Bildungskompass besondere Begabungen oder Defizite festgestellt wurden, werden von bestens ausgebildeten LehrerInnen individuell gefördert. Dafür bekommen Schulstandorte, nicht nur im Zuge der vorgesehenen Autonomie die Möglichkeit, Fachkräfte anstatt von LehrerInnen einzusetzen, sondern bekommen auch zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt.

Damit Jelena, Ahmad, Ayse und all meinen SchülerInnen alle Wege offenstehen, braucht es nicht nur eine Kompromisslösung bei der Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern und Reformschrittchen, sondern eine tiefgreifende Reform in der die Chancen der SchülerInnen im Zentrum stehen.

Florian Rabenstein unterrichtet seit 2013 als Teach For Austria Fellow und Klassenvorstand an einer Neuen Mittelschule in Wien. Er ist Sprecher von “mehr ist möglich! - Teach For Austria Alumni”.


Montag, 9. November 2015

Berufsorientierung – Geschichten aus der Praxis

14 meiner 25 SchülerInnen sollen nächstes Jahr im Sommer die 8 Schulstufe positiv abschließen – die restlichen 11 sind erst dieses Jahr nach Österreich gekommen und sprechen noch kein Deutsch. Dies stellt für den Unterricht eine besondere Herausforderung dar und man muss eindeutige Ziele definieren, damit seine SchülerInnen alle Möglichkeiten im Leben haben. Für die 14 ist dieses Schuljahr mein Ziel, dass jede/r Einzelne im Herbst 2016 entweder eine Lehrstelle antritt oder eine weiterführende Schule besucht.

Durch Zufall habe ich Herrn Ing. Erik-Karl Tupy kennengelernt und erfahren, dass er schon seit längerer Zeit ehrenamtlich im Bildungsbereich engagiert ist. Herr Tupy hat nicht lange gezögert, als ich um einen Vortrag zum Thema Berufsorientierung gebeten habe und so hatten wir am 27. Oktober 2015 eine ganz besondere Stunde mit einem externen Gast. Neben Tipps für Bewerbung und Präsentation, ging es auch um die scheinbar so simple Frage „Was interessiert mich?“, die jedoch nur wenige eindeutig beantworten können. Geschichten von eigenen Erfahrungen und der Hinweis, dass es auch andere Jobs als MechanikerIn und FriseurIn gibt, haben den Vortrag für die Kinder besonders spannend gemacht.

Die Schüler zeigten reges Interesse und haben sogar nach dem Vortrag noch das persönliche Gespräch gesucht. Wir als Klasse sagen nochmals herzlichen Dank für den tollen Vortrag und freuen uns auf ein Wiedersehen im Frühjahr 2016 – dann stehen nämlich Bewerbungstrainings am Plan…



Stefan Steinberger, Fellow 2015

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Simmering meets Musikverein

Zu den schönsten Momenten im Fellow-Alltag zählen für mich die ersten Male meiner Schülerinnen und Schüler: Zum ersten Mal eine Hürde meistern, zum ersten Mal das eigene Weltbild hinterfragen… Dieses erste Mal handelt von einer Gruppe wagemutiger 13-Jähriger aus meiner Einsatzschule in Simmering, die sich zu einer neuen Welt – dem ehrwürdigen Wiener Musikverein – aufmachte. Obwohl nur rund sechs Kilometer von ihrer vertrauten Schule entfernt, war es eine aufregende Erstbegegnung mit der Welt der sogenannten Hochkultur.



„Du spielst deinen Schülern Klassik vor?“, werde ich regelmäßig erstaunt von Kollegen gefragt – „Natürlich!“ Zugegeben, der Einstieg in die klassische Musik ist nicht immer leicht. Doch wurde die Hemmschwelle bei unserem Besuch schnell abgebaut. Frau Mag. Menheere führte uns durch die geschichtsträchtigen Räumlichkeiten des Musikvereins und beeindruckte meine Schülergruppe mit viel Wissenswertem über das Haus: Dass dem Neujahrskonzert mehr Zuseher folgen als dem Finale der Champions League, überraschte meine Schüler sichtlich. Während der „Große Goldene“ der berühmteste Saal des Hauses ist, kürten die Kinder einen anderen zu ihrem Favoriten: den modernen Gläsernen Saal im Untergeschoß, in dem gerade eine Probe stattfand. Oder in den Worten eines Schülers: „Der coolste Saal ever!“


Im Anschluss an die Führung nahmen Katharina Schumann und Christian Krug, zwei Geiger des renommierten Gewandhausorchesters Leipzig, die Gruppe mit auf eine musikalische Reise. Die Musiker demonstrierten die Vielseitigkeit ihres Instruments anhand von Duo-Kompositionen von Sergej Prokofjew, Béla Bartók und Darius Milhaud. Zu schwere Kost? Nein, denn im Vordergrund standen die Gefühle, welche die Musikstücke auslösten. Der Bogen spannte sich dabei von Streit und Zorn über Freude, Witz und Lebenslust bis hin zu Trauer, Frust und Schmerz. Mit den versöhnlichen Tönen verträumten, stillen Glücks endete der Konzertteil. Danach standen die Profimusiker den interessierten Schülerinnen und Schülern noch Rede und Antwort, gaben Einblick in das Leben als Orchestergeiger und erklärten, was die Beziehung zu ihrem Instrument ausmacht. Auch wenn die Kinder kräftig applaudierten, machten auf mich die kurzen Momente, in denen in ihren Gesichtern echte Entrückung zu erkennen war, den stärksten Eindruck.

Rainer Hautpmann, Fellow 2014

Donnerstag, 8. Oktober 2015

2051: Smart Life in the City

Manchmal hat man als Fellow den Schulalltag so unmittelbar vor sich, dass man das große Ganze aus den Augen verliert. Dabei sind gerade die Fragen danach, wie Bildung in Zukunft funktionieren wird, ungemein wichtig:
Was werden die Kinder von morgen lernen? Wo wird Lernen passieren? Welches Wissen wird die Gesellschaft der Zukunft brauchen? Und welche Rolle wird die Schule dabei spielen?

Im Zuge der Ausstellung 2051: Smart Life in the City der Vienna Biennale 2015 im MAK bot sich einigen von uns Fellows 2014 die Gelegenheit genau diese Fragen zu stellen und einen Gedankenaustausch zu starten. In unserem Workshops Bildung 2051 diskutierten wir mit interessierten Ausstellungsbesuchern unter anderem die Rolle der Eltern und Lehrer der Zukunft. Hier einige Blitzlichter aus den Gesprächen:


„Schule wird nicht mehr dieses abgekoppelte Ding, sondern in das gesellschaftliche Leben integriert sein.“

„Lehrer werden nicht mehr die Allwissenden sein, die vorne stehen und erzählen, sondern mehr die Rolle eines Coachs einnehmen.“

„Ist doch egal wieviel man arbeitet. Gibt es einen Wert für die Gesellschaft muss die Arbeit auch entlohnt werden.“

„Kinder werden nur mehr eine Sprache sprechen – den Rest erledigt Google Translate.“


Besonders schön fanden wir den Abschlusskommentar eines Schweizer Teilnehmers, auf die Frage welchen ersten Schritt man denn setzen müsse: „Man muss bei den Kindern ein Feuer für Bildung entfachen, damit fängt alles an.“


Gregor Kainz, Fellow 2014

Montag, 7. September 2015

Changing The World

For the first time Teach For Austria was invited to hold a summer school at the European Forum Alpbach. The European Forum Alpbach was established 70 years ago and is a three week event that takes place in the middle of the Tyrolean Alps. The Forum’s goal is to create a dialogue across generations and sectors in order to address relevant socio-political questions of our time. This year, the question of InEquality is being discussed. 

InEquality has many facets and reasons and is found in a variety of fields. This is exactly where we come in. Two weeks ago five Fellows held the Teach For Austria summer school called “Changemaker Lab – from Vision to Action“. The six day training course tackled the reasons of InEquality in the Austrian education system.



“The Teach For Austria Summer School at the European Forum Alpbach 2015 gave me insights into the challenges, difficulties, and chances of various education systems. I haven't experienced such a motivating, positive and inspiring environment when it comes to such a vastly discussed topic (as the improvement of the Austrian education system) for years.” (Ingrid, 26)




Together with our participants we tried to build a perfect system of education to then move on to formulating visions to change the statues quo.


“The summer school of Teach For Austria helped me to learn and apply skills regarding leading others and develop my vision further. Through this, I now understand my next steps better. The learning environment fostered creativity and encouraged me to try new things.” (Andrea, 30)



It was great working together with so many young and inspiring people. Maybe at some point in the future we will find some of the developed visions changing our society.


“The Changemaker Lab was an amazing event that inspired me to dive deep into the subject of visionary thinking. The basis for building my own vision was given by support and constructive criticism of a fantastic group of participants and very well prepared speakers. I would definitely recommend everybody to take part next time.” (Alexander, 34)

Nina, Fellow 2014